Am Montag hatte man in Frankreich noch auf eine leichte Trend-Umkehr gehofft. Denn mit knapp 5300 Fällen lag die Zahl der Neuinfektionen auch unter Berücksichtiung der üblicherweise geringeren  Melderate am Wochenende deutlich unter dem Durchschnitt der vergangenen sechs Tage. Doch schon keine 24 Stunden später folgte die Ernüchterung. Am Dienstagabend musste das französische Gesundheitsministerium erneut mehr als 10.000 Ansteckungen mit dem Coronavirus vermelden.

Die Situation ist vor allem im Süden des Landes dramatisch, in der Stadt Marseille sind die Intensivstationen der öffentlichen Krankenhäuser bereits wieder so voll, dass nun auch  Privatspitäle und andere Gesundheitseinrichtungen Corona-Patienten irgendwie unterbringen müssen. "Es ist nicht unser Job, der müde macht", sagt David Fleyrat, Direktor der privaten Klinik Bouchard-Elsanin in Marseille. "Was müde macht, ist, dass wir eine zweite Welle haben, weil sich die Menschen nicht an die Abstandsregeln halten."

Eine zweite Welle beginnt sich aber nicht nur in Frankreich aufzubauen. Auch in Großbritannien ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen massiv angestiegen, zuletzt gab es binnen 24 Stunden mindestens 6.000 neue Fälle. Zudem verdoppelt sich die Zahl der Covid-Patienten in den britischen Krankenhäusern mittlerweile alle acht Tage, die Testkapazitäten sind laut den Behörden aber jetzt schon am Limit.

In den vergangenen Tagen warnten führende Mediziner des Landes  bereits, dass die Todesrate innerhalb der nächsten Wochen exponentiell steige dürfte, wenn die Regierung jetzt nicht handelt. Schreitet die Verbreitung des Virus weiter so rasch voran, dann könnte es Mitte Oktober täglich 50.000 Neuinfizierte geben. Damit wäre die Lage völlig außer Kontrolle. Bereits jetzt zählt Großbritannien mit mehr als 41.000 Verstorbenen die meisten Coronavirus-Todesfälle in Europa und die fünftmeisten weltweit.

In der Clinique Bouchard-ELSAN in Marseille betreuen zwei Krankenschwestern einen Corona-Patienten. - © APAweb / reuters
In der Clinique Bouchard-ELSAN in Marseille betreuen zwei Krankenschwestern einen Corona-Patienten. - © APAweb / reuters

Regierung legt Briten Homeoffice nahe

Premierminister Boris Johnson, dem bei der Bewältigung der Krise massive Fehler vorgeworfen werden, versucht, nun das Ruder herumzureißen. Er will zur Überwachung strengerer Corona-Maßnahmen möglicherweise auch das Militär einsetzen. Im Parlament verkündete Johnson, dass man streng kontrollieren und Geldstrafen verhängen werde.

Das öffentliche Leben wird jetzt jedenfalls schrittweise heruntergefahren. Englische Pubs und Restaurants sollen ab Donnerstag um spätestens 22.00 Uhr schließen, außerdem wird nur noch Service am Tisch erlaubt sein. Wer nicht an seinem Platz sitzt, braucht eine Maske. Auch in Taxis oder Geschäften soll das Maskentragen künftig verpflichtend sein. Hochzeiten sind nur noch mit 15 Teilnehmern erlaubt.

Zusätzlich legt die britische Regierung ihren Bürgern auch wieder die Arbeit im Homeoffice nahe: "Leuten, denen es möglich ist, von zu Hause zu arbeiten, würden wir empfehlen, das zu machen", so Minister Michael Gove im Sender Sky News. Einen neuerlichen Lockdown will man allerdings unbedingt verhindern. "Wir müssen jetzt aktiv werden. Auf diese Weise können die Menschen ihre Arbeit behalten, die Läden und Schulen können geöffnet bleiben. Unser Land kann so voranschreiten, während wir zusammenarbeiten, um das Virus einzudämmen", sagte Johnson in einer TV-Ansprache am Dienstagabend.

Sprunghafter Anstieg auch in Spanien

Auch in Spanien steigen die Infektionsfälle jetzt sprunghaft an, die Behörden haben in Madrid damit begonnen, einzelne Stadtviertel abzuriegeln. Die Maßnahmen betreffen 850.000 der rund 6,6 Millionen Einwohner der spanischen Hauptstadt, sie sollen laut Behörden vorerst zwei Wochen gelten. 37 Gebiete in sechs Stadtteilen in sieben Gemeinden im Umland Madrids sind betroffen. Derartige Absperrungen gibt es auch in andern Teilen Spaniens, etwa in Mallorcas Hauptstadt Palma. Die jeweiligen Gebiete dürfen dann nur noch in dringenden Fällen betreten oder verlassen werden - etwa für den Weg zur Arbeit, zur Schule oder zum Arzt.

In Madrid sind von den sogenannten "Teilabsperrungen" fast immer ärmere Wohnviertel mit sozialen Problemen betroffen. Dort liegt die Zahl der Neuinfektionen oft bei weit mehr als 1.000 pro 100.000 Einwohner binnen 14 Tagen.

Während der letzte Lockdown alle Spanier gleichermaßen betroffen hat, tritt nun die soziale Komponente der Pandemie zutage. Einkommensschwächere wohnen gedrängt auf engem Raum und sind so einem weit höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt. Tausende haben zuletzt in Madrid gegen die Maßnahmen protestiert, die Menschen trugen Plakate mit der Aufschrift "Unsere Stadtteile sind keine Ghettos" oder "Ihr habt uns im Stich gelassen und nun sperrt ihr uns ein".

Auch in Tschechien nehmen die Infektionen deutlich zu, die Regierung schließt einen zweiten Lockdown aber aus. "Wir wollen keine Maßnahmen treffen, die die Wirtschaft behindern", so der eben erst ins Amt gekommene Gesundheitsminister Roman Prymula.

Niederlande warnen vor Reisen nach Wien

Die niederländische Regierung hat unterdessen eine Reisewarnung für Wien und Innsbruck wegen der Infektionszahlen erlassen. Wer von dort in die Niederlande zurückreist, muss für zehn Tage in häusliche Quarantäne.

Ausdrücklich rät die niederländische Regierung aber nicht von Reisen in andere Teile Österreichs ab. "Sie können, mit Ausnahme der Hauptstadt Wien und der Stadt Innsbruck, für Urlaubsreisen nach Österreich fahren, aber bleiben Sie wachsam", heißt es in den Reisehinweisen wörtlich.

So sei etwa auch die Benutzung der Flughäfen Wien-Schwechat und Innsbruck möglich, ohne dass man unter die Quarantänepflicht fällt. Damit können Tiroler Skigebiete weiter auf niederländische Gäste hoffen. (red)