UN-Generalsekretär António Guterres hat sich beunruhigt über die Eskalation des Konflikts in der Unruheregion Berg-Karabach im Südkaukasus gezeigt. Er sei "extrem besorgt", hieß es in einer Mitteilung seines Sprechers. Guterres verurteile den Einsatz von Gewalt und fordere alle Beteiligten zu einem sofortigen Ende der Kämpfe und der unverzüglichen Rückkehr zu Verhandlungen auf. Er werde deswegen auch noch mit dem Präsident von Aserbaidschan und dem Regierungschef von Armenien sprechen, hieß es.

Neben der Ausrufung des Kriegszustands kündigte Armenien eine Generalmobilmachung des ganzen Landes an. In Aserbaidschan sollte in einigen Landesteilen ab Montag der Kriegszustand mit Ausgangssperren gelten. Zuvor hatte der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev eine Militäroperation an der Demarkationslinie begonnen sowie von der Eroberung von sieben Dörfern gesprochen.

Die von Armenien kontrollierte Region mit geschätzten 145 000 Einwohnern gehört völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. Es handelt sich um die schwerste Eskalation seit Jahrzehnten.

Hauptstadt unter Beschuss

Zwischen den verfeindeten Ländern kam es nach Angaben beider Seiten seit frühem Sonntagmorgen zu den Gefechten. Berg-Karabachs Hauptstadt Stepanakert sei beschossen worden, hieß es. Zahlreiche Häuser seien zerstört. Auf Videos war zu sehen, wie Panzer durch die Orte fuhren und Rauchwolken über Stepanakert aufstiegen. In Berg-Karabach wurden nach offiziellen Angaben 16 Soldaten durch Beschuss getötet und mehr als hundert verletzt. Aserbaidschan teilte mit, dass es fünf Tote und Verletzte in den eigenen Reihen gebe. Unter den Opfern sind nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz auch Zivilisten. Auch in der Nacht auf Montag hielten die Gefechte an. Zwischen beiden Seiten gab es nach Angaben der jeweiligen Verteidigungsministerien schweres Artilleriefeuer.

In Armenien werden bereits Freiwillige für einen möglichen Krieg rekrutiert. - © APAweb / REUTERS, Melik Baghdasaryan
In Armenien werden bereits Freiwillige für einen möglichen Krieg rekrutiert. - © APAweb / REUTERS, Melik Baghdasaryan

Aserbaidschan eroberte nach Angaben des Verteidigungsministeriums am Sonntag sieben Dörfer im Konfliktgebiet. Die Gebiete seien von der armenischen Besatzung befreit worden, sagte Verteidigungsminister Zakir Hasanov. Die Behörden in Berg-Karabach betonten, dass dies eine "absolute Lüge" sei. Sie hätten die Lage inzwischen unter Kontrolle.

Staaten schieben einander Schuld zu

Beide Seiten gaben sich die Schuld an den Gefechten. Armenien habe Hubschrauber und Kampfdrohnen abgeschossen. Drei gegnerische Panzer seien getroffen worden. Aserbaidschan dementierte dies. Präsident Aliyev warf Armenien vor, den Verhandlungsprozess für eine friedliche Lösung des Konflikts zerstört zu haben. Der aktuelle Zustand sei nicht mehr hinnehmbar. "Das bedeutet, dass die Okkupation beendet werden muss." Aserbaidschan wolle den Konflikt komplett lösen. "Das Problem Berg-Karabach ist unsere nationale Aufgabe", sagte Aliyev.

Russland und Türkei als Verbündete

Aserbaidschan hatte in einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Kontrolle über das Gebiet verloren. Berg-Karabach wird heute von christlichen Karabach-Armeniern bewohnt. Seit 1994 gilt eine brüchige Waffenruhe. Das völlig verarmte Armenien setzt auf Russland als Schutzmacht, das dort Tausende Soldaten und Waffen stationiert hat. Erst am Wochenende hatte Eriwan ein gemeinsames Militärmanöver mit Moskau beendet. Das öl- und gasreiche Aserbaidschan hat die Türkei als verbündeten Bruderstaat.

Baku hatte immer wieder angekündigt, sich die Region notfalls mit militärischer Gewalt zurückzuholen.chEvent"==e?"onmessage":"message",function(e){if(e.data[a]) for(var t=document.getElementsByClassName(a),n=0;n!=t.length;n++) t[n].style.height=e.data[a]+"px"},!1)}; apaResc("apa-1107-20");

Baku hatte immer wieder angekündigt, sich die Region notfalls mit militärischer Gewalt zurückzuholen. Das Land hatte in den vergangenen Jahren sein Militär massiv aufgerüstet. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sicherte Aserbaidschan bereits seine Unterstützung zu. Beide Länder hatten in diesem Sommer ein großes Militärmanöver in Aserbaidschan abgehalten zur Abschreckung Armeniens.

Zuletzt flammte der Konflikt 2016 stark auf. Dabei starben mehr als 120 Menschen. Vor wenigen Monaten - im Juli - kam es an der Grenze zwischen den verfeindeten Ländern erneut zu schweren Gefechten; die Kämpfe lagen jedoch Hunderte Kilometer nördlich von Berg-Karabach.

Warnung vor Eskalation

Russische Politologen meinten, dass eine neue Eskalation die Bemühungen in der Region um Jahrzehnte zurückwerfen könnte. Es handle sich bei den Gefechten nicht um Scharmützel, die es in der Vergangenheit immer wieder gab, schrieb der russische Experte Dmitri Trenin vom Moskauer Carnegie Center. "Hier kündigt sich ein Krieg an." Staaten wie Russland und die USA müssten alles tun, um diese Entwicklung zu stoppen.

Kremlchef Wladimir Putin sprach persönlich mit dem armenischen Regierungschef. Moskau sei ernsthaft besorgt über die Lage, teilte der Kreml mit. Alle Kampfhandlungen sollten aufhören. Eine weitere Eskalation müsse unter allen Umständen verhindert werden. Außenminister Sergej Lawrow führte intensive Gespräche mit seinem türkischen Kollegen Mevlüt Cavusoglu. Die Konfliktparteien müssten an den Verhandlungstisch zurückkehren, hieß es.

Deutschland und Frankreich forderten eine sofortige Einstellung der Kämpfe und eine Wiederaufnahme des Dialogs. Papst Franziskus rief zu einer friedlichen Beilegung des Konflikts auf. (apa, dpa)

Hinweis der Redaktion: Der Artikel wurde am Montag, 28. September, 8.30 Uhr, nach den Gefechten in der Nacht aktualisiert.