Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja hat vor ihren Treffen mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Ausweitung der EU-Sanktionen gegen Regierungsvertreter in ihrer Heimat gefordert. Die bisherigen Maßnahmen seien "ein kleiner Sieg", sagte Tichanowskaja am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. "Ich bin mir sicher - und ich bestehe darauf - dass diese Liste ausgeweitet werden sollte."

Zu ihrem Gespräch mit Merkel am Dienstag sagte Tichanowskaja, sie habe vonseiten der Kanzlerin Vorschläge erhalten, die vermutlich besprochen würden. Einzelheiten nannte sie nicht. Die Begegnung dürfte ein "warmherziges Gespräch zwischen zwei Frauen sein - eine, die Hilfe für mein Land braucht, und die andere, die, da bin ich mir sicher, gerne bereit ist zu helfen".

Regierungssprecher Steffen Seibert hatte Tichanowskaja zuvor als "Leitfigur der belarussischen Opposition" beschrieben und erklärt, Merkel empfange sie als Zeichen des Respekts vor den friedlichen Protesten gegen Präsident Alexander Lukaschenko. Die Kanzlerin habe wiederholt auf "den enormen Mut" vor allem der Frauen hingewiesen, die gegen die belarussische Regierung demonstrierten. Tichanowskaja sagte Reuters über die Demonstranten in ihrem Land: "Es ist für sie nicht sicher, aber sie tun es, weil sie wissen, wofür sie kämpfen, wofür sie demonstrieren und darauf kommt es an."

Leben im litauischen Exil

Tichanowskaja zeigte sich überzeugt, dass Lukaschenko abtreten werde. "Wir werden Neuwahlen haben, fair und transparent, und wir werden einen neuen Präsidenten haben", sagte sie. Dann nehme ihr Land den Weg in eine "freie und sichere Zukunft". Sie wies in dem auf Englisch geführten Interview die Idee einer Exil-Regierung zurück. Ihre Bewegung habe Vertreter in "den verschiedenen Lebensbereichen", die auch an Wirtschaftsreformen arbeiteten. "Uns ist klar, dass die Übergangsperiode für die belarussische Wirtschaft ziemlich schwer werden wird." Die 38-jährige Tichanowskaja lebt derzeit im Exil in Litauen. Die frühere Englisch-Lehrerin war bei der Wahl am 9. August anstelle ihres Ehemannes gegen Lukaschenko angetreten.

Die EU-Staaten erkennen die Präsidentenwahl nicht an und hatten sich vergangene Woche auf Sanktionen gegen 40 Offizielle dort verständigt. Lukaschenko selbst ist nicht betroffen. Der Amtsinhaber hatte den Wahlsieg für sich beansprucht, die Opposition spricht von Wahlbetrug. Seitdem kommt es immer wieder zu Massenprotesten, bei denen die Sicherheitskräfte teils brutal gegen die Demonstranten vorgehen. Tausende Menschen wurden festgenommen. Lukaschenko regiert das Land seit 26 Jahren mit eiserner Hand. (apa, reuters, Paul Carrell)