"Wiener Zeitung":Seit sieben Wochen befindet sich Alexej Nawalny in Berlin, nachdem er vergiftet wurde. Auch Sie haben selbst schon viel Erfahrung damit gemacht, wie ungemütlich es als russischer Oppositioneller werden kann. Sie wurden immer wieder inhaftiert . . .

Leonid Wolkow:(unterbricht) Mit meiner bisherigen Erfahrung kann man das in keiner Weise vergleichen. Dass ein Politiker, ein Kollege, ein enger Freund, vergiftet worden ist, und sich dann über eine sehr lange Zeit, über Wochen, an der Schwelle zwischen Leben und Tod befindet, ist eine ganz andere Dimension.

Leonid Wolkow (39) ist ein russischer Oppositioneller. Der in Jekaterinburg geborene IT-Spezialist hat mehrere Wahlkämpfe von Nawalny geleitet, wie etwa 2013 bei den Moskauer Bürgermeister- oder 2018 bei den russischen Präsidentenwahlen. Im Zuge eines Strafverfahrens gegen Nawalnys Anti-Korruptions-Fonds "FBK" ist Wolkow 2019 aus Russland geflohen. - © Simone Brunner
Leonid Wolkow (39) ist ein russischer Oppositioneller. Der in Jekaterinburg geborene IT-Spezialist hat mehrere Wahlkämpfe von Nawalny geleitet, wie etwa 2013 bei den Moskauer Bürgermeister- oder 2018 bei den russischen Präsidentenwahlen. Im Zuge eines Strafverfahrens gegen Nawalnys Anti-Korruptions-Fonds "FBK" ist Wolkow 2019 aus Russland geflohen. - © Simone Brunner

Ist seither auch bei Ihnen persönlich die Angst größer geworden?

Selbstverständlich. Das, was am 20. August passiert ist, zwingt uns dazu, unsere Risiken neu einzuschätzen. Wenn mir jemand vorher gesagt hätte, dass Wladimir Putin versuchen würde, Alexej mit Nowitschok zu vergiften, dann hätte ich ihn ausgelacht! Aber genau das ist passiert.

Dennoch ist er nicht der erste Kreml-Kritiker, der vergiftet wurde.

Eine Nowitschok-Vergiftung passt einfach nicht zu unseren Vorstellungen davon, wie das System in Russland funktioniert. Welchen Weg der Kreml für gangbar hält, und welchen nicht. Aber mit unseren Einschätzungen lagen wir falsch. Wir haben eher damit gerechnet, dass sie ein neues Strafverfahren gegen uns eröffnen oder unsere Leute einsperren würden. Aber ein Mordversuch mit Gift, und dann noch Nowitschok? Wir sind nicht davon ausgegangen, dass das gegen politische Gegner eingesetzt wird.

Nawalny geht es wieder besser, er steht in Berlin jedoch unter Personenschutz. Haben auch Sie Ihre Sicherheitsmaßnahmen erhöht?

Nein. Aber insgesamt zwingt uns diese neue Situation natürlich dazu, unsere Sicherheitskonzepte zu überdenken. Bis jetzt haben wir noch nichts geändert. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Gibt es inzwischen Kollegen, die Russland aus Sicherheitsgründen verlassen haben?

Nein.

Seit dem Vorjahr leben Sie selbst im Exil und pendeln zwischen Ihrem Wohnort, den Sie nicht öffentlich nennen, und Berlin. Ist es überhaupt möglich, unter diesen Umständen die politische Arbeit in Russland fortzusetzen?

Es ist natürlich sehr schwer. Aber wir machen weiter. Selbst nach Alexejs Vergiftung wurde die Arbeit nach kurzer Zeit wieder aufgenommen. Alle standen unter Schock, niemand wusste, wie es weitergehen sollte. Es war ein Donnerstag, als er vergiftet wurde, aber ab Montag haben wir wieder weitergemacht. Damals waren es noch drei Wochen bis zu den Regional- und Gouverneurswahlen. Wir wussten: Wenn Alexej aufwacht, dann wird er fragen: Und? Wie sind die Wahlen gelaufen? Außerdem war das eine gute Möglichkeit, den Stress zu überwinden. Es war ein Rettungsanker für viele Kollegen. Wir waren schon so oft in Situationen, in denen Alexej für eine gewisse Zeit abwesend war. Etwa, weil er für 15 oder 30 Tage eingesperrt oder unter Hausarrest gestellt wurde. Wir wissen inzwischen sehr gut mit solchen Situationen umzugehen.

Auf welche Szenarien bereitet man sich da vor?

Es ist schlichtweg unmöglich, sich auf alle Szenarien vorzubereiten. Kann man sich darauf vorbereiten, dass sie unsere Konten einfrieren? Dass sie unsere IT beschlagnahmen? Dass sie unseren Mitarbeiter entführen? Wir haben kein Kuvert mit der Aufschrift: "Nowitschok-Vergiftung von Alexej", und dann gehen wir nach Schema F vor. Unsere Stärke liegt darin, dass wir flexibel sind und uns auf jede neue Situation einstellen können. Dass wir eine große Organisation sind, wo kluge, aktive und politisch mündige Menschen arbeiten. Gerade seit dem vergangenen Jahr ist so viel Mist passiert, aber wir haben es immer wieder geschafft, flexibel darauf zu reagieren. Wir bereiten uns jedenfalls auf die Wahlen zur Staatsduma 2021 vor.

Zugleich gibt es viele Spekulationen darüber, warum Nawalny ausgerechnet jetzt vergiftet wurde. Haben Sie eine Erklärung?

Nein. Wie Sie sagen: Alles Spekulationen.

Was halten Sie von EU-Sanktionen gegen Russland?

Sektorale Sanktionen gegen die Wirtschaft haben keinen Sinn, weil sie nur der Propaganda nützen. Wie die Beispiele Iran, Nordkorea oder Kuba zeigen, führen sie erst recht dazu, die Diktatur zu stärken. Sinnvoll sind nur gezielte, persönliche Sanktionen gegen konkrete Gauner und Diebe. Man muss aber leider sagen, dass die Position der Europäischen Union in dieser Frage äußerst heuchlerisch ist.

Inwiefern?

Gerade die Gauner und Diebe verstehen es ausgezeichnet, alle Beschränkungen in der Gesetzgebung, wie etwa der Geldwäsche, zu umgehen. Österreich ist ein gutes Beispiel dafür. Sie fühlen sich wohl in Europa, können hier ihre korrupten Gelder waschen und die europäische Politik korrumpieren. Dagegen wird gar nichts unternommen. Daran hat auch Alexejs Vergiftung nichts geändert.

Unlängst sprach der Leiter des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR davon, dass sich kein Gift im Körper von Nawalny befunden haben soll, solange er in Russland war. Alles andere sei "russophobe Propaganda." Wie kommentieren Sie das?

Solange dieses Regime an der Macht ist, machen wir uns natürlich keine Hoffnungen darauf, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Derweil passiert dasselbe wie damals beim Abschuss von Flug MH17 über der Ostukraine: eine große Anzahl von sich widersprechenden Versionen, die nur das Ziel haben, den Blick auf die Wahrheit zu verstellen.

Gerade die Vorgänge in Belarus werden auch von Nawalnys Anhängern genau beobachtet. Warum ist es so wichtig für Sie, was in Belarus passiert?

Putin hat viel von Alexander Lukaschenko gelernt. Den Modus Operandi, wie man sich die Macht organisiert und erhält. Was jetzt in Belarus passiert, steht uns in einigen Jahren in Russland bevor. Wenn sich Lukaschenko durchsetzt, wird das ein schreckliches Signal sein: dass man sich mit Schlagstöcken gegen friedliche Proteste an der Macht halten kann. Es ist wichtig, zu betonen, dass das, was in Russland und in Belarus passiert, untrennbar mit der Agenda der europäischen Politik verbunden ist, nicht nur, wenn es um Öl und Gas geht. Putin und Lukaschenko sind nicht für die Ewigkeit. Nach ihnen werden diese Länder wieder in den Schoß der europäischen Zivilisation zurückkehren.