Die Corona-Beschlüsse der Bund-Länder-Runde sind nach Einschätzung des Kanzleramts nicht ausreichend, um eine zweite Pandemie-Welle in Deutschland noch abzuwenden. Kanzleramtsminister Helge Braun bezeichnete die Vereinbarungen am Donnerstag in der ARD zwar als wichtigen Schritt. "Aber sie werden nicht ausreichen." Deutschland stehe am Beginn einer "sehr großen zweiten Welle". Zuvor schon hatte Kanzlerin Angela Merkel von einer "Jahrhundertherausforderung" gesprochen und gewarnt, dass es nicht nur um die Zahl der Infizierten und Tote gehe, sondern auch darum, ob Deutschland die Krise noch wirtschaftlich und finanziell bewältigen könne.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete am Donnerstag 6638 neue Positiv-Tests. Die Zahl ist so hoch wie noch nie seit dem Ausbruch der Pandemie - bei allerdings deutlich mehr Tests als im Frühjahr. Auch die Zahl der Toten steigt wieder, wenn auch langsamer als die Infektionszahlen. Laut RKI starben zuletzt 33 Menschen im Zusammenhang mit Corona - der Wert nimmt seit Tagen deutlich zu.

Merkel hatte in der Runde mit den Ministerpräsidenten laut Teilnehmerangaben gewarnt, dass dies - wie in den EU-Nachbarländern - aber ein nachlaufender Trend sei, die Zahlen also künftig stärker steigen würden. Der Virologe Christian Drosten hatte darauf verwiesen, dass sich derzeit zwar vor allem Jüngere angesteckt hätten, die im Schnitt weniger schwere Krankheitsverläufe haben. Das Virus werde aber in der Folge wieder verstärkt auf ältere, anfälligere Menschen übertragen. Die Bundesregierung rief die Deutschen deshalb eindringlich zu mehr Disziplin und Vorsicht auf. "Wir haben es gemeinsam selbst in der Hand", sagte Gesundheitsminister Jens Spahn im Deutschlandfunk. Den Bürgern müsse klar sein, dass sie heute entscheiden, ob Weihnachten noch in gewohnter Form stattfinden könne.

Am Mittwoch hatten sich Bund und Länder auf neue Beschränkungen geeinigt. Merkel und die 16 Ministerpräsidenten beschlossen Kontaktbegrenzungen für alle Regionen, in denen die Zahl der Corona-Neuinfektionen über 50 Fälle pro 100.000 Einwohner in einer Woche hinausschießt. Schon ab 35 Fällen sollen erste Maßnahmen greifen.

Merkel (CDU), der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Berlin Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte betont, dass die Priorität nun darauf liegen müsse, die Wirtschaft am Laufen und die Schulen offen zu halten. Braun sprach davon, dass im Grunde nun alle Kontakte halbiert werden müssten, um die Pandemie einzudämmen. Söder hatte darauf verwiesen, dass die Lage ernster sei als im Frühjahr, weil nun der Winter und nicht der Sommer vor der Tür stehe und sich viele Aktivitäten ins Innere verlagerten, wo die Ansteckungsgefahr größer sei.

Mit Sorge sieht man im Kanzleramt auch das Auseinanderklaffen der Wirtschaftsentwicklung in Europa und etwa China. Dort erholt sich Angaben der Luftfahrt-Behörden auch der zivile Flugverkehr wieder. Die Passagierzahl habe mit 47,75 Millionen fast auf Vorjahreshöhe gelegen. In Deutschland werden dagegen neue Einbrüche im ohnehin reduzierten Reiseverkehr erwartet.

Ökonomie verträgt keine "zweite Welle"

"Auch unsere wirtschaftliche Entwicklung hängt davon ab, dass wir durch die Pandemie nicht zu schwer beeinträchtigt werden", warnte Merkel und verwies auf die drastischen Einschränkungen des öffentlichen Lebens in den EU-Partnerstaaten wie Frankreich. "Wir haben auf der Bundesebene einen Haushalt mit einer Neuverschuldung von über 250 Milliarden Euro allein in diesem Jahr verabschiedet. Deshalb können wir uns auch ökonomisch eine zweite Welle mit den Folgen, wie es sie im Frühjahr gab, nicht leisten", warnte sie.

Rekordzahlen bei Corona-Neuinfektionen in den meisten europäischen Ländern drückten auch die Kurse an den Börsen. Der Dax in Frankfurt verlor am Donnerstag 2,5 Prozent. (reuters)