Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einreisebeschränkungen haben die Zuwanderung in die Industrienationen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) deutlich sinken lassen. Die Zahl neuer Visa und Aufenthaltsgenehmigungen sei im ersten Halbjahr um 46 Prozent im Vergleich zu den ersten sechs Monaten 2019 zurückgegangen, teilte die OECD am Montag mit. Im zweiten Quartal seien es sogar 72 Prozent weniger gewesen; in Österreich 40 Prozent. OECD-Experte Thomas Liebig sprach von einem "historischen Rückgang".

Gleichzeitig warnte die Organisation vor einer Integrationskrise, weil gerade Zuwanderer von der Pandemie besonders stark betroffen seien. Das Infektionsrisiko sei zwei- bis dreimal so hoch als bei im Inland Geborenen, sagte Liebig. Das liege daran, dass Migranten häufiger in beengten Wohnverhältnissen und in stärker bewohnten Gegenden wohnen, mehr öffentliche Verkehrsmittel nutzen, weniger Zugang zu Telearbeit haben und häufiger in systemrelevanten Berufen tätig seien.

So stellen zugewanderte Arbeitskräfte im OECD-Raum einen großen Teil des medizinischen Fachpersonals: Im Durchschnitt stamme ein Viertel der Ärzteschaft aus dem Ausland - in Deutschland sei es etwa ein Fünftel, in Österreich ein Sechstel und in der Schweiz sogar fast die Hälfte. Ähnlich sieht es bei den Krankenpflegekräften aus: In Österreich kommen ein Fünftel von ihnen aus dem Ausland. Außerdem stellen Zuwanderer in vielen OECD-Ländern mehr als ein Drittel der Beschäftigten im Verkehr, im Reinigungsgewerbe, in der Nahrungsmittelindustrie und bei IT-Dienstleistungen. In Österreich liege ihr Anteil in diesen Sektoren jeweils bei mindestens einem Viertel.

Fortschritte auf dem Arbeitsmarkt bedroht

Auf dem Arbeitsmarkt hätten Migranten durch die Corona-Krise allerdings mit mehr Schwierigkeiten zu kämpfen. Zuwanderer hätten ein höheres Risiko, Arbeitslosigkeit ausgesetzt zu sein, erklärte Liebig: "Das gilt in Deutschland und Österreich besonders für Flüchtlinge." Als Gründe führte der Experte etwa instabile Arbeitsverhältnisse und eine kürzere Betriebszugehörigkeit von Migranten an.


So bedrohe die Pandemie laut OECD Fortschritte, die bei der Arbeitsmarktintegration in den vergangenen zehn Jahren erreicht wurden. Im Internationalen Migrationsausblick 2020 ruft die Organisation Regierungen dazu auf, die Gesundheit und Sicherheit aller Beschäftigten in systemrelevanten Wirtschaftsbereichen zu gewährleisten und ausreichend Mittel für die Integration bereitzustellen. Dies sei Voraussetzung, damit Migranten weiter zum gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben beitragen können. Liebig regte auch an, die Leistung von Migranten in der Pandemie besonders zu würdigen, etwa durch Integrationspreise oder den schnelleren Zugang zur Staatsbürgerschaft.

Einwanderung noch im Vorjahr stabil

Die Mobilität wird laut OECD voraussichtlich noch längere Zeit nicht auf ihr früheres Niveau zurückkehren. Im Gegensatz dazu hat es noch im Vorjahr wenig Veränderung bei der Migration gegeben. Nach Angaben der Organisation seien 2019 in etwa gleich viele Personen wie bereits 2018 in die Mitgliedsländer der OECD eingewandert: rund 5,3 Millionen Menschen.

Allerdings sind die regionalen Unterschiede erheblich. Während Österreich, die USA und Deutschland einen Rückgang verzeichneten, stiegen die Zahlen in Spanien - vor allem wegen der Zuwanderung aus Südamerika - oder etwa Japan signifikant an.

In Österreich haben sich 2019 an die 81.000 neue Einwanderer langfristig oder permanent niedergelassen - das ist um knapp ein Zehntel weniger als im Jahr davor. 2018 waren es 87.000 Menschen. Rund 65 Prozent davon genossen Personenfreizügigkeit, nur 6,4 Prozent waren Arbeitsmigranten, knapp elf Prozent kamen im Zuge von Familienzusammenführung. Der Anteil jener, die aus humanitären Gründen bleiben dürfen, betrug nur 17,2 Prozent.

Die Zahl der Asylanträge stieg 2019 erstmals nach zwei Jahren des Rückgangs wieder um elf Prozent an, lag aber noch immer weit unter den Rekordjahren 2015/2016. Rund die Hälfte der 1,2 Millionen Anträge wurden in europäischen OECD-Ländern gestellt. Mehr als 20 Prozent der Asylwerber stammten aus Afghanistan, Venezuela und Honduras. Auch in Österreich wurde im vergangenen Jahr ein Rückgang bei den Anträgen registriert: 2019 suchten knapp 10.800 Menschen - und damit um 7,1 Prozent weniger - um Asyl an. Die meisten von ihnen kamen aus Syrien, Afghanistan und dem Iran. (apa/reu)