Kein Land in Europa hat mehr Todesfälle infolge des Coronavirus zu beklagen als Großbritannien. Mehr als 44.000 Personen sind bereits verstorben. Die Zahl der positiv Getesteten steigt - wie im gesamten Kontinent - derzeit wieder drastisch und liegt mittlerweile über 20.000 Personen pro Tag. Knapp 6500 Corona-Patienten werden in Spitälern behandelt, ein Zehntel von ihnen ist an Beatmungsgeräte angeschlossen.

Besonders stark trifft die zweite Corona-Welle den Norden Englands. In Manchester sind es 420 registrierte Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tage. Premier Boris Johnson kündigte daher an, die fünftgrößte englische Stadt samt Umland fällt ab Freitag unter die höchste Stufe des dreigliedrigen Corona-Alarmsystems - wie zuvor Liverpool und Lancashire.

Einen vollständigen Lockdown gibt es nicht. Jedoch müssen beispielsweise Pubs schließen, die keine Speisen anbieten. Zusammenkünfte von mehr als sechs Personen sind im öffentlichen Raum verboten, daheim dürfen praktisch keine haushaltsfremden Personen empfangen werden. Schulen und Universitäten bleiben allerdings offen.

Die "rote Mauer" zum Bröckeln gebracht

Johnson vollzog seinen Schritt ohne Einverständnis des Bürgermeisters von Manchesters Großraum, Andy Burnham. Der verlangte Entschädigungen über 90 Millionen Pfund (99 Millionen Euro), die Regierung sagte aber mit 22 Millionen Pfund (24 Millionen Euro) nur etwas mehr als ein Viertel zu. Burnham kritisierte daraufhin, die neuen Beschränkungen würden "die Armut vergrößern", viele Unternehmen stünden kurz vor der Schließung.

Der Vorwurf, die Regierung in London lässt Manchester im Regen stehen, wiegt schwer. Greift er doch auf den seit langem schwelenden Konflikt zwischen dem Süden, allem voran der Dienstleistungs-Metropole London, und dem mit der Deindustrialisierung verarmten Norden an.

Andy Burnham, Bürgermeister der Metropolregion Greater Manchester, stemmt sich gegen die von Boris Johnsons Regierung verordneten Teilsperren. - © APAweb / AFP, Paul ELLIS
Andy Burnham, Bürgermeister der Metropolregion Greater Manchester, stemmt sich gegen die von Boris Johnsons Regierung verordneten Teilsperren. - © APAweb / AFP, Paul ELLIS

Dabei versprach Premier Johnson vor der Unterhauswahl 2019 eine Angleichung der Lebensumstände und enorme Investitionen in den Norden. Damit holte er nicht nur die absolute Mandatsmehrheit im Unterhaus, er brachte die "rote Mauer" zum Bröckeln. Die Tories holten zwischen Nordwales, den Midlands und Nordengland zuhauf Wahlkreise, die über Jahrzehnte in der Hand der Labour Party gewesen waren.

Auch Burnham gehört den Sozialdemokraten an. Sie lagen aufgrund des erratischen Corona-Kurses der Regierung im September in Umfragen erstmals seit Jahren auf Platz eins. Parteichef Keir Starmer plädiert für einen mehrwöchigen Lockdown in ganz England, um die Zahl der Infektionen zu drücken. Er stützt sich dabei auf eine Empfehlung, die vom Corona-Beratungsgremium der Regierung kam. Derzeit gilt ein Outdoor-Versammlungsverbot ab sechs Personen und um 22.00 Uhr müssen Lokale schließen. Wales, Schottland und Nordirland haben eigene Bestimmungen.

Verschuldung liegt über 100 Prozent des BIP

Parteichef Starmer und Bürgermeister Burnham erhielten einen Brief von konservativen Abgeordneten, doch auf englandweite Beschränkungen zu verzichten. Unterzeichnet wurde das Schreiben von 20 Paramentariern aus dem Süden, womit die regionalen Differenzen auch innerhalb der Tories sichtbar wurden.

In Manchester werden Besuche daheim bis auf wenige Ausnahmen verboten. - © reuters/Noble
In Manchester werden Besuche daheim bis auf wenige Ausnahmen verboten. - © reuters/Noble

Premier Johnson setzt derweil auf lokale Maßnahmen und will einen landesweiten Lockdown unbedingt vermeiden. Denn auch wirtschaftlich ist das Vereinigte Königreich von der Pandemie schwer getroffen: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) brach im Frühjahr um rund ein Fünftel ein, enorme Steuerausfälle waren die Folge. Dazu kamen die staatlichen Hilfsprogramme. Im ersten Halbjahr mussten daher Kredite über 208,5 Milliarden Pfund (228 Milliarden Euro) aufgenommen werden, erklärte das nationale Statistikamt am Mittwoch.

Damit stieg die öffentliche Schuldenlast auf über zwei Billionen Pfund (2,2 Billionen Euro), was 103,5 Prozent des BIP entspricht. So hoch verschuldet war das Vereinigte Königreich zuletzt vor 60 Jahren. Für das Gesamtjahr rechnet das Forschungsinstitut Office for Budget Responsibility mit Krediten über 372 Milliarden Pfund (410 Milliarden Euro) - so viel wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. (da/apa)