Ihre größte Sorge ist offenbar nicht die Corona-Pandemie. In Prag haben am Wochenende Fußball- und Eishockeyfans gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert. Sie sind darüber erbost, dass der Spielbetrieb in den Sportligen unterbrochen wurde. 500 Teilnehmer waren bei der Demonstration erlaubt, 2.000 kamen. Als die Polizei den Protest deshalb auflöste, kam es zu schweren Ausschreitungen. Hooligans griffen Polizisten an, diese setzten Tränengas ein. Auf Bildern ist zu sehen, wie Demonstranten dicht gedrängt beieinanderstehen, eine Gesichtsmaske wird zumeist nur aufgesetzt, wenn es gilt, bei Angriffen auf Polizisten die eigene Identität zu verbergen.

Das Aussetzen der Sportwettbewerbe ist nur eine der Maßnahmen, die Tschechiens Regierung gesetzt hat. Mittlerweile gelten in dem Nachbarland wieder Regeln, die einem Lockdown gleichkommen: Bürger sollen das Haus oder die Wohnung nur noch verlassen, um zur Arbeit zu gehen, das Nötigste einzukaufen oder Arzt- und Familienbesuche zu erledigen. Nur noch wenige Geschäfte haben geöffnet, etwa Supermärkte.

Opfer des eigenen Erfolgs

Doch auch wenn Tschechien die sozialen Kontakte in immer kürzeren Abständen immer mehr eingeschränkt hat - die Zahlen steigen stetig. So musste das 10,6-Millionen-Einwohner-Land mit knapp 15.000 neuen Fällen innerhalb von 24 Stunden am Donnerstag einen Rekordwert vermelden. Zum Vergleich: Auch Deutschland verzeichnete einen neuen Höchstwert, dort waren es bei rund 83 Millionen Einwohnern 11.287 Fälle. Und was in Tschechien nochmals besonders beunruhigt: Jeder dritte Test ist positiv.

Es ist ein dramatischer Wandel, der sich vollzogen hat. Im Frühjahr galt Tschechien noch als Musterbeispiel in Europa, kaum wo wurden so schnell so drastische Maßnahmen wie eine umfassende Maskenpflicht vollzogen, kaum wo waren die Infektionszahlen so niedrig. Nun stecken sich pro Kopf nirgendwo in der EU so viele Leute an.

Tschechien ist dabei auch zum Opfer des eigenen Erfolgs geworden. Man dachte offenbar im Sommer, Corona sei überwunden. Der Mundschutz wurde fast gar nicht mehr getragen - vielmehr stellte das Nationalmuseum selbst genähte Masken bereits wie ein historisches Relikt aus. In Discos wurde wie eh und je gefeiert, und auch manch Urlauber brachte das Virus mit nach Hause.

Als die Zahlen dann langsam, aber doch wieder zu steigen begannen, brachten Teile der Bevölkerung verschärften Maßnahmen einen großen Unwillen entgegen, und Premier Andrej Babis wollte offenbar keine unpopulären Maßnahmen treffen. Bestes Beispiel: Anfang September wollte der damalige Gesundheitsminister Adam Vojtech wieder eine Maskenpflicht in Geschäften und Wirtshäusern einführen. Doch der öffentliche Aufschrei, ventiliert durch Soziale Medien, war enorm. Premier Babis kassierte das Vorhaben seines Ministers - auch mit Blick darauf, dass die von ihm gegründete Partei ANO in den anstehenden Senats- und Kommunalwahlen nicht Stimmen verliert.

Ansturm auf Spitäler

ANO gewann die Wahlen, doch bezüglich Corona sagte Babis jetzt: "Die Zahlen sind katastrophal." Der Premier räumte Fehler ein. Zumal sich Tschechien nun in der Pandemiebekämpfung am Anschlag bewegt - die Krankenhäuer drohen bereits im November an das Ende ihrer Kapazitäten zu kommen, warnte der nunmehrige Gesundheitsminister Roman Prymula. Die Zahl der eingelieferten Covid-Patienten hat sich in den vergangenen drei Wochen vervierfacht, mittlerweile sind es rund 4.500.

Ein Katastrophenszenario plagt die Regierung: dass sich zu viel Krankenhauspersonal infiziert und die Spitalsversorgung deshalb zusammenbricht. Die tschechische Ärztekammer hat Mediziner und Pfleger im Ausland zur Rückkehr in ihre Heimat aufgerufen. Jedes Jahr wechseln hunderte tschechische Mediziner auf der Suche nach besseren Gehältern und Arbeitsbedingungen ins Ausland. Sie werden oft durch Ukrainer und Mediziner aus anderen östlichen Ländern ersetzt.

Tschechien will noch, so gut es geht, vorsorgen. Die Armee baut nun ein Feldkrankenhaus auf dem Prager Messegelände auf. Auch im Ausland wurde um Hilfe angefragt. Nächste Woche sollen zwei Dutzend Ärzte der US-Nationalgarde als Verstärkung eintreffen. Die deutschen Bundesländer Bayern und Sachsen können laut Prager Regierung im Notfall tschechische Patienten übernehmen. Auch an Österreich hat sich Prag im Rahmen eines internationalen Ansuchens gewandt. Österreich wartet aktuell die konkrete Anfrage ab, um Hilfsleistungen zu evaluieren.

Doch fraglich ist, ob nicht auch im Ausland die Kapazitäten bald schwinden. In Deutschland macht vor allem der rasante Anstieg an Neuinfektionen Sorge - von 7.595 auf eben 11.287 innerhalb eines Tages. Und die ausgewanderten tschechischen Ärzte werden wohl in den Ländern, in denen sie gerade arbeiten, gebraucht werden.