Rapide steigende Corona-Infektionszahlen, immer mehr Intensivpatienten und voll belegte Krankenhäuser: Quer durch Europa wachsen die Sorgen vor einer Überforderung der Gesundheitssysteme. Nach Angaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) wurden auf dem Kontinent mehr als fünf Millionen Corona-Fälle und an die 200.000 Tote registriert.

Dabei sind einige Länder, in denen der Sektor schon davor marode war, noch weniger für den aktuellen Ausnahmezustand gerüstet. In Bulgarien und Rumänien beispielsweise ist unter anderem der Ärztemangel eklatant. Die Regierungen dort versuchen bereits, finanziell gegenzusteuern.

So hat das bulgarische Kabinett schon im Sommer angekündigt, Kliniken, Ärzte und Krankenschwestern im Kampf gegen das Coronavirus stärker zu unterstützen. Es sollen Zuschüsse zu den vom Staat gezahlten Gehältern überwiesen werden.

Auch in Rumänien hat es bereits in den vergangenen Jahren Lohnerhöhungen für medizinisches Personal gegeben. Das ändert dennoch wenig an der Situation, über die seit Jahren in beiden südosteuropäischen Ländern geklagt wird: Zu Tausenden verlassen Ärzte nach ihrer Ausbildung ihre Heimat und ziehen nach Deutschland, Frankreich, Belgien. Die Lücke in der Versorgung lässt sich nur mangelhaft mit Personal füllen, das Rumänien etwa im benachbarten Moldawien rekrutiert.

Ähnlich war das Bild in Polen zehn, fünfzehn Jahre zuvor. Ärzte verließen das Land und gingen nach Schweden oder Großbritannien, in jene EU-Staaten, die keine Übergangsfristen auf dem Arbeitsmarkt für die neuen Unionsmitglieder verhängt hatten. Mit steigenden Gehältern in Polen hat sich das zwar allmählich geändert, dennoch gilt der Sektor als angegriffen und chronisch unterfinanziert - wie übrigens der britische staatliche Gesundheitsdienst NHS. Da wie dort wären mehr Ärzte und Pfleger notwendig, sind Tests und Schutzausrüstung nicht überall ausreichend vorhanden.

Dabei wird auch in Polen ein Höchstwert an Corona-Ansteckungen nach dem anderen verzeichnet. Am Mittwoch hatte das Land die Grenze von 10.000 bestätigten Neuinfektionen überschritten, und am Donnerstag lag die Zahl höher als im benachbarten Deutschland mit doppelt so vielen Einwohnern.

Zwar versichert die nationalkonservative Regierung, dass das Gesundheitssystem der Corona-Welle standhalten könne, doch ihren eigenen Schätzungen zufolge könnte fast jeder dritte Infizierte eine Spitalsbehandlung benötigen. Das aber würde die Krankenhäuser wohl überlasten.

Hastig wird nun - wie in Tschechien - ein Feldlazarett in Warschau errichtet. Dafür wird das Nationalstadion genutzt.

Österreich: Kaum Engpässe

Aber auch im Norden Europas warnen Behörden vor einem Notstand in Kliniken. Belgische Spitäler verschieben bereits nicht absolut notwendige Eingriffe; in den Niederlanden könnten alle regulären Behandlungen der nächsten Wochen eingestellt werden.

In Österreich schlägt der Sektor hingegen noch nicht Alarm. Es gibt auch keinen Ärztemangel. "Außer bei den Kassenärzten", heißt es aus der Österreichischen Ärztekammer zur "Wiener Zeitung". Bei der Versorgung von Corona-Patienten führe das jedoch zu keinen Engpässen. Das könnte sich freilich bei einer hohen Aufnahmerate von Patienten mit Covid-19 ändern, erklärten Mediziner in einer gemeinsamen Stellungnahme.

Anders als in Tschechien gibt es aber keine Aufrufe an heimische Ärzte, aus dem Ausland heimzukehren. Deren Zahl ist beträchtlich. Bereits 2018 stellte die Ärztekammer im Rahmen einer Evaluierung fest, dass rund 38 Prozent der Medizinabsolventen nach Abschluss ihrer Ausbildung ins Ausland gehen. In dieser Größenordnung bewege es sich laut Auskunft der Kammer nach wie vor. Die beliebtesten Auswanderungsländer sind dabei Deutschland, Italien und die Schweiz. Laut den jeweils aktuellsten Zahlen arbeiteten im Jahr 2018 gut 2.000 österreichische Mediziner in Deutschland, 815 in der Schweiz und im Vorjahr fast 1.400 in Italien. (czar/tsch)