Was wir jetzt sehen, ist eindeutig eine zweite Infektionswelle, und wir erwarten, dass es noch schlimmer wird", sagte Agoritsa Baka, Expertin für Krisenvorsorge bei der EU-Gesundheitsbehörde ECDC, am Freitag dem Schwedischen Radio. Denn ganz Europa verzeichnet Höchstwerte an Corona-Fällen. Deshalb versuchen immer mehr Länder, mit immer drastischeren Maßnahmen gegenzusteuern.

Mit einem nationalen Kraftakt will die Slowakei der steigenden Zahl an Corona-Infizierten begegnen: Ab Samstag dürfen die Menschen die eigene Wohnung nur noch in Ausnahmefällen verlassen - etwa, um in die Arbeit oder einkaufen zu gehen. In vier besonders stark betroffenen Regionen an der polnischen Grenze ist auch der Weg in die Arbeit für alle untersagt, die keinen negativen Corona-Test vorweisen können. Das gilt bis zum 1. November.

Angst, von der Pandemie überrollt zu werden, sitzt tief

Im ganzen Land haben für einen Monat nur die Volksschulen geöffnet, ältere Schüler müssen auf Online-Unterricht umsteigen. Die Geschäfte haben offen - rechnen aber mit wenigen Kunden. Die Grenzen bleiben vorläufig geöffnet, das Außenministerium rät jedoch ausländischen Touristen von Reisen ins Land generell ab.

Österreichs Nachbar ist es zu Beginn der Pandemie gelungen, die Fallzahlen mit drastischen Maßnahmen niedrig zu halten. Derzeit gibt es rund 35.000 Fälle auf 5,4 Millionen Einwohner, die Zahl der Toten liegt mit 115 immer noch vergleichsweise niedrig.

Doch die Angst, man könnte von der Pandemie überrollt werden, sitzt tief. Mit einem einzigartigen, gigantischen Aufwand soll das verhindert werden. In den kommenden zwei Wochen will die Regierung alle Bürger, die über zehn Jahre alt sind, testen lassen. Die Armee wird 5.000 Stationen einrichten, zur Verwendung kommen Antigen-Tests, die als nicht besonders zuverlässig gelten. Die, die an dem Test nicht teilnehmen wollen, sollen zu einer Quarantäne verpflichtet werden. Wer trotzdem auf der Straße erwischt wird, zahlt empfindliche Geldbußen.

Kritiker bezweifeln, ob das Unterfangen in so kurzer Zeit zu bewältigen ist. Dazu kommt, dass die Aktion von Gesundheitsmitarbeitern durchgeführt werden muss, die dann in den Krankenhäusern ausfallen.

"Dies ist der Weg aus der Hölle, in die wir rasen", lässt Premier Igor Matovic keine Zweifel gelten. Dass alle politischen Kräfte in der Slowakei an einem Strang ziehen, kann jedoch nicht behauptet werden: Niemand Geringerer als die populäre Staatspräsidentin Zuzana Caputova hält die Strategie wörtlich für "nicht richtig". Zunächst einmal wurde die liberale Politikerin vom Premier nicht informiert, obwohl sie Oberbefehlshaberin der Armee ist. Zudem ist Caputova der Ansicht, dass das Testen unbedingt freiwillig sein sollte. Ein Streit ist im Gange, der der Bekämpfung des Virus nicht dienlich ist.

Desillusioniert sind jetzt auch zahllose Tschechen, die einem strikten Regime zur Bekämpfung des Virus unterworfen sind: Offenbar hat Gesundheitsminister Roman Prymula seine eigenen, drastischen Vorschriften gebrochen und ein Luxusrestaurant ohne Maske verlassen. In Tschechien sind seit eineinhalb Wochen alle Restaurants per Verordnung geschlossen. Premier Andrej Babis hat verkündet, dass Prymula sein Amt verliert.

Auch Slowenien befindet sich im Teil-Lockdown, ab Samstag bleiben die meisten Geschäfte, Hotels, Kindergärten und Studentenheime geschlossen. Wie auch in Österreich sind in Slowenien in der kommenden Woche für Schulkinder Herbstferien.

Fallbeispiel Israel

Was ein zweiter Lockdown bedeutet, ist in Israel zu sehen, wo bereits am 18. September das Land wieder weitgehend zugesperrt wurde. Es ist gelungen, die Zahl der Neuinfektionen von rund 9.000 auf etwa 1.500 Fälle pro Tag zu drücken, nun werden die Maßnahmen nach und nach gelockert.

Allerdings hat sich der zweite Lockdown vom ersten sehr unterschieden. Es gab viel mehr Verstöße und viel größeren Unmut in der Bevölkerung. Dafür wurden mehrere Gründe genannt: So gab es einige Ausnahmen für orthodoxe Juden, die beim Rest der Bevölkerung nicht überall auf Zustimmung stießen. Auch wurden zahlreiche Verstöße von Politikern dokumentiert. Zudem wurde dem mit Korruptionsvorwürfen konfrontierten Premier Benjamin Netanjahu vorgeworfen, mit dem Lockdown Proteste verhindern zu wollen. Und vor allem auch: Vielen Israelis steht wirtschaftlich das Wasser bis zum Hals, und sie mussten nun erneut starke Einkommensverluste hinnehmen.