Die Terrorangriffe in Frankreich gehen weiter: Ein mutmaßlicher Islamist hat in der größten Kirche der Mittelmeerstadt Nizza am Donnerstag drei Menschen mit einem Messer getötet, wie die Polizei mitteilte. Mindestens einem Opfer wurde demnach die Kehle durchgeschnitten. Der mutmaßliche Täter wurde festgenommen.

Ermittlern zufolge handle es sich um einen 21-jährigen Tunesier. Er soll am 20. September mit anderen Migranten über Lampedusa nach Europa gekommen sein, berichten italienische Medien unter Berufung auf Ermittlerkreise. Demnach wurde der Mann am 9. Oktober in einem Flüchtlingslager in Bari registriert. Wann und wie er nach Nizza gelangte, sei noch unklar, hieß es am Abend.

Die französische Regierung rief die höchste Terror-Warnstufe aus. Sie wird landesweit gelten. Die Antwort des Kabinetts auf die Anschläge werde "hart und unerbittlich" sein, erklärte Premierminister Jean Castex vor der Nationalversammlung. Castex verurteilte den Anschlag in Nizza als "ebenso feige wie barbarische Tat, die das ganze Land in Trauer versetzt".

Nizza steht unter Schock

Es war nicht der einzige Angriff. In Montfavet, nahe von Avignon, bedrohte am Donnerstag ein Mann Passanten mit einer Pistole. Die Polizei erschoss den Mann. Derzeit gebe es keine Hinweise auf einen Terrorhintergrund, berichteten Polizeikreise. Zuvor hatte der Hörfunksender Europe 1 gemeldet, der Angreifer habe "Allahu akbar" (Gott ist groß) gerufen.

Bei einer Messerattacke auf das französische Konsulat im saudi-arabischen Jeddah wurde außerdem ein Wachmann verletzt. Der einheimische Angreifer sei festgenommen worden, wie die französische Botschaft in dem Land am Donnerstag in einer Erklärung bekanntgab. Der Wachmann sei ins Krankenhaus gebracht worden, er sei aber nicht in Lebensgefahr. Die Botschaft rief Franzosen im Land zu "höchster Wachsamkeit" auf.

In Nizza sagte Bürgermeister Christian Estrosi nach dem Terrorangriff, der festgenommene mutmaßliche Täter habe mehrfach "Allahu Akbar" gerufen. "Alle Bürger von Nizza sind schockiert und entsetzt", erklärte er weiter. Nach seiner Darstellung deutet "alles auf einen Terroranschlag hin". Die Antiterror-Staatsanwaltschaft ermittelt wegen "Mordes und Mordversuchs im Zusammenhang mit einer terroristischen Tat".

Bei dem Angriff in der Basilika Notre-Dame drei Tage vor Allerheiligen wurden nach Angaben aus Polizeikreisen drei Menschen getötet. Eine Frau und ein Mann starben demnach in der Kirche im Zentrum der Stadt. Ein drittes Opfer habe zunächst in eine Bar fliehen können, sei dann aber seinen Verletzungen erlegen. Mindestens einem Opfer wurde laut Polizei die Kehle durchgeschnitten. Nach Berichten einiger französischer Medien wurde die ermordete Frau geköpft.

Macron nach Nizza gereist

Darauf deuten auch Äußerungen von Bürgermeister Estrosi hin: Er sagte, der Täter sei ähnlich vorgegangen wie bei der Ermordung des Geschichtslehrers Samuel Paty vor rund zwei Wochen. Der Lehrer war von einem mutmaßlichen Islamisten bei Paris enthauptet worden, nachdem er Mohammed-Karikaturen im Unterricht gezeigt hatte. Estrosi meinte, Frankreich müsse dem "Islamofaschismus" den Kampf ansagen.

Vor der Kirche Notre-Dame waren Spezialeinheiten mit der Spurensicherung beschäfitgt. - © APAweb / reuters
Vor der Kirche Notre-Dame waren Spezialeinheiten mit der Spurensicherung beschäfitgt. - © APAweb / reuters

Die katholische Kirche in Frankreich zeigte sich entsetzt von der "unsäglichen Tat". Christen dürften nicht "zum symbolischen Schlachtopfer werden", forderte die Bischofskonferenz. Papst Franziskus bete für die Todesopfer, ihre Angehörigen und für das "geliebte französische Volk", hieß es aus dem Vatikan.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der nach Nizza gereist war, erklärte, das Land werde von "islamistischen Terroristen" angegriffen. Er kündigte eine Aufstockung des schon länger laufenden inländischen Anti-Terroreinsatzes "Sentinelle" des Militärs an - von bisher 3.000 auf 7.000 Soldaten. Außerdem soll es verstärkten Schutz für Schulen und Kirchen geben.

Der Anschlag weckt bei den Franzosen schreckliche Erinnerungen an gleich drei Taten: Neben der Ermordung des Geschichtslehrers ist dies der blutige Anschlag von Nizza von 2016, bei dem ein Islamist am französischen Nationalfeiertag mit einem Lastwagen in eine Menge raste und 86 Menschen tötete und Hunderte verletzte.

"Es fielen Schüsse"

Knapp zwei Wochen später ermordeten zwei Männer den katholischen Priester Jacques Hamel während des Gottesdienstes in der nordfranzösischen Stadt Saint-Etienne-du-Rouvray. Die danach von der Polizei erschossenen Täter bekannten sich zur Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS).

Der neuerliche Messerangriff ereignete sich gegen neun Uhr morgens. In der Innenstadt von Nizza waren zu diesem Zeitpunkt zahlreiche Menschen zum Einkaufen unterwegs, da um Mitternacht in ganz Frankreich ein neuer landesweiter Corona-Lockdown in Kraft treten sollte.

"Alle sind weggerannt, es fielen Schüsse", erzählte ein Kellner, der in einer Bar in der Nähe der Kathedrale arbeitet. "Es wird Tote geben", habe eine Frau gewarnt." Der verletzte Täter wurde nach Polizeiangaben ins Krankenhaus gebracht.

 Die Terroranschläge heizen die Stimmung im Land immer wieder an. Wie zuletzt eben bei der Ermordung des Lehrers Samuel Paty in dem Pariser Vorort Conflans Sainte Honorine. Nach seiner Enthauptung wurden auf Solidaritätsmärschen die Karikaturen gezeigt, die er im Unterricht verwendet hatte.

Das wiederum sorgte in Teilen der muslimischen Welt für wütende Reaktionen. Einige Regierungen, allen voran jene in Ankara, warfen Macron eine anti-islamische Agenda vor.

Österreichs Politik verurteilt Taten

Nach dem Anschlag in Nizza kamen aber auch aus der Türkei Beileidsbekundungen - wie aus ganz Europa. Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat die Messerattacke als "entsetzlich und verabscheuungswürdig" verurteilt. "Meine Gedanken sind bei den Opfern, ihren Familien und Freunden. Ganz Europa steht zusammen an der Seite #Frankreichs", schrieb er auf Deutsch und Französisch auf Twitter.

Die EU-Staats- und Regierungschefs haben sich "schockiert" über den Anschlag in Nizza gezeigt und die Gewalttat "auf das Schärfste" verurteilt. Der Anschlag sei auch "ein Angriff auf unsere gemeinsamen Werte", hieß es in einer gemeinsamen Erklärung, die am Donnerstagabend durch EU-Ratspräsident Charles Michel veröffentlicht wurde.

Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) zeigte sich "erschüttert" über die "grausamen Ereignisse". Es sei "absolut inakzeptabel, dass freie Menschen in Europa aufgrund ihres Glaubens zu Opfern terroristischer Angriffe werden", so Sobotka in einer der APA übermittelten Stellungnahme.

Ähnlich Innenminister Karl Nehammer (ÖVP): "Jede terroristische Attacke ist ein Angriff auf unsere Demokratie und unsere europäischen Grund- & Freiheitsrechte. Wir stellen uns klar gegen alle Formen von Extremismus und Terrorismus", ließ er via Twitter wissen. (apa, afp, reuters)