Angesichts der dramatisch steigenden Corona-Infektionszahlen fahren neben Österreich immer mehr europäische Staaten das öffentliche Leben erneut herunter. Der britische Premierminister Boris Johnson verkündete am Samstag einen zweiten Lockdown in England, der vier Wochen dauern soll. Portugal und Griechenland verhängten wie die türkis-grüne Regierung ebenfalls Teil-Lockdowns. Die Slowakei begann inzwischen mit flächendeckenden Corona-Tests der gesamten Bevölkerung.

"Jetzt ist die Zeit um Handeln, weil es keine Alternative gibt", sagte der britische Premier Johnson. Das Coronavirus verbreite sich "noch schneller als im schlimmsten Szenario der wissenschaftlichen Berater". Unmittelbar vor der Bekanntgabe des erneuten Lockdowns hatte die Zahl der Corona-Infektionsfälle in Großbritannien die Schwelle von einer Million überschritten, nachdem fast 22.000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden gemeldet worden waren.

Der Lockdown in England beginnt am Donnerstag und ist befristet bis zum 2. Dezember. Die Schulen sollen geöffnet bleiben. Geschäfte der Grundversorgung dürfen öffnen, die Bevölkerung soll abgesehen vom Gang in die Arbeit, in die Schule oder zum Arzt zu Hause bleiben.

46.000 Todesfälle in Großbritannien

Großbritannien hat mit mehr als 46.000 Todesfällen die höchste Zahl an Corona-Toten in Europa zu beklagen. Wie aus Dokumenten der wissenschaftlichen Beratergruppe der Regierung für Notfälle (Sage) hervorgeht, könnte die Zahl der Infizierten und Krankenhauseinweisungen demnächst die Berechnungen für den schlimmsten Fall übertreffen. Das im Juli ausgearbeitete Worst-Case-Szenario ging von weiteren 85.000 Todesfällen in einer zweiten Infektionswelle im Winter aus.

Auch in Griechenland gilt wie in Österreich ab Dienstag ein Teil-Lockdown mit einer Schließung von Restaurants, Cafes, Museen und Kinos. In Portugal tritt am Mittwoch ein Teil-Lockdown in Kraft, der für rund drei Viertel der Bevölkerung gilt. In den betroffenen Kommunen sollen sich die Bürger in ihre Wohnungen zurückziehen, sie dürfen aber in die Arbeit gehen, wenn Heimarbeit nicht möglich ist, und ihre Kinder in die Schule bringen. Geschäfte müssen spätestens um 22.00 Uhr schließen.

Proteste in Spanien und Italien

Tschechien verlängerte den Corona-bedingten Ausnahmezustand bis zum 20. November. Einen Sonderweg geht die Slowakei: Dort begannen am Samstag flächendeckende Corona-Tests für die gesamte Bevölkerung. In etwa 5.000 Testzentren im ganzen Land standen rund 45.000 medizinische Fachkräfte, Soldaten und Polizisten bereit, um alle Bürger ab zehn Jahren kostenlosen Schnelltests zu unterziehen. Ministerpräsident Igor Matovic erklärte, mit den Massentests könnten "Hunderte Menschenleben" gerettet werden. Bei einem Erfolg sieht er sie zudem als Vorbild für andere Länder: Die ganze Welt werde das Experiment aufmerksam verfolgen.

Die rund 5,4 Millionen Einwohner zählende Slowakei ist das erste Land dieser Größe, das seine gesamte Bevölkerung testet. In Europa haben bisher nur kleinere Länder wie Luxemburg und Monaco flächendeckende Tests angekündigt. In China wurden bereits die Einwohner ganzer Städte getestet.

In Italien und Spanien wächst unterdessen der Unmut über die Corona-Maßnahmen. Dort lieferten sich Demonstranten am Wochenende gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei, es gab Verletzte und Festnahmen. (afp/apa)