Geschlossene Handelszentren, Museen und Kinos, virtueller Unterricht für ältere Schüler - und wenn all das nicht viel hilft, kommt eine "nationale Quarantäne". Polens Regierung verschärft die Maßnahmen im Kampf gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie, und der Lockdown ähnelt jenem im Frühling. Allerdings bleiben die Kindergärten und Volksschulen geöffnet. Die Restriktionen sollen ab Samstag gelten. Sollten die Infektionszahlen dann im Laufe einer Woche nicht sinken, droht eine landesweite Stilllegung des öffentlichen Lebens. Das bekräftigte ein Sprecher des nationalkonservativen Kabinetts in Warschau am Donnerstag.

Tags zuvor hatte Premierminister Mateusz Morawiecki die Polen aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Das Land hatte einen neuen Höchstwert an Neuansteckungen verzeichnet - der am Donnerstag noch übertroffen wurde. Innerhalb eines Tages wurden demnach 27.143 Menschen positiv getestet; mehr als 19.000 Corona-Patienten befänden sich in Krankenhäusern. Im benachbarten Deutschland, das doppelt so viele Einwohner hat, lag die Zahl der Neuinfektionen mit knapp 20.000 deutlich darunter.

Wie im ebenfalls benachbarten Tschechien, das eine der am steilsten steigenden Ansteckungsraten in Europa aufweist, arbeiten die Spitäler in Polen mittlerweile an ihren Kapazitätsgrenzen. Zwar soll noch ein knappes Drittel der Betten frei sein, doch könnte das schon bald nicht mehr reichen.

Gleichzeitig hat das Virus noch eine weitere Komponente: eine politische. Die Restriktionen, die auch eine Beschränkung der Versammlungsfreiheit mit sich bringen, werden in Polen nicht zuletzt gegen die Frauen genutzt, die gegen eine mögliche Verschärfung der ohnehin rigiden Abtreibungsregeln demonstrieren. Ein Urteil des Verfassungsgerichts, wonach Schwangerschaftsabbrüche wegen schwerer Fehlbildungen des Fötus nicht legitimiert wären, hat eine Welle von Protestaktionen ausgelöst, die seit knapp zwei Wochen nicht abreißen. Und Politiker der regierenden Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) haben prompt die demonstrierenden Menschen für den Anstieg der Infektionszahlen verantwortlich gemacht. Premier Morawiecki hat bereits appelliert, die Proteste ins Internet zu verlegen.

Fatal für die Wirtschaft und eine "Ohrfeige" für die Bürger

In anderen Staaten wiederum wird gegen die Corona-Maßnahmen selbst Unmut geäußert. Dieser wird beispielsweise in Italien immer lauter. Die Regierung in Rom hat die Regionen des Landes in unterschiedliche Risikogebiete geteilt: In sogenannten roten Zonen gehen die Beschränkungen am weitesten, umfassen unter anderem nächtliche Ausgangssperren und Reiseverbote. Zu solchen Gebieten wurden nun die Lombardei, Piemont, das Aostatal und Kalabrien erklärt.

Vor allem in der Lombardei, der ersten von der Pandemie getroffenen Region in Europa, regt sich dagegen Widerstand. Der lombardische Präsident Attilio Fontana bezeichnete die Maßnahmen als zu streng und für die Wirtschaft fatal. Sie seien eine "Ohrfeige" für seine Region. Der Bürgermeister der Kleinstadt Casalpusterlengo weigert sich schlicht, Lokale und Geschäfte am heutigen Freitag zu schließen. "Die Regierung soll ihren Beschluss überdenken. Wenn wir erneut alles schließen, werden wir nicht mehr wieder starten können", warnte Elias Delmiglio.

Davor wird auch in Süditalien gewarnt. "In Kalabrien werden mit diesem Lockdown die Menschen verhungern", mahnte der Interimspräsident der Region, Nino Spirli. Inzwischen drohen der Regierung in Rom neue Protestaktionen. Am Freitag ist ein landesweiter Streik der Taxifahrer geplant, die mit großen finanziellen Verlusten konfrontiert sind. "Wir haben nicht einmal mehr Geld für Treibstoff", erklärten Mitglieder des Branchenverbands UGL Taxi.

Auch woanders lösen die Corona-Regeln ein Tauziehen zwischen der Zentralregierung und den Regionen aus. So protestierten in Frankreich Bürgermeister und Präsidenten städtischer Ballungsräume gegen die Schließung "nicht lebenswichtiger" Abteilungen in Supermärkten und Einkaufszentren. Doch ähnlich wie in Rom hieß es in Paris: Dies sei nicht die Zeit, um Restriktionen zurückzunehmen.(czar/reu/apa)