Hering und Dorsch, Makrele und Scholle - wer darf sie fangen und wie viel davon? Der Nordostatlantik ist reich an Fischbeständen. Und welche Nation in welchem Ausmaß dazu Zugang haben kann, wurde zu einem der größten Knackpunkte in den Verhandlungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union nach dem Austritt des Königreichs aus der Gemeinschaft. Ein Handelsabkommen soll die Beziehungen zwischen der Insel und dem Kontinent neu regeln, und um die Fischereirechte wird nun heftig gerungen.

Stark bleiben und einen vorteilhaften Deal nach Hause bringen: Mit diesem Appell wandten sich am Dienstag erneut britische Fischereiverbände an Premierminister Boris Johnson. Vorteilhaft wäre für sie das, womit die Austrittsbefürworter schon vor Jahren für den Brexit geworben haben: volle Souveränität. Ob bei der Gesetzgebung, bei Handelsverträgen mit dem Rest der Welt, bei der Migrationspolitik oder eben bei der Fischerei. Britische Gewässer würden in dem Fall in erster Linie britischen Fischern zur Verfügung stehen; die Flotten anderer Staaten müssten auf eine für sie akzeptable Quotenregelung hoffen.

Das würde nicht zuletzt die Franzosen betreffen, die derzeit rund ein Viertel ihrer Fangmenge im Nordostatlantik aus den Fischgründen vor der Insel beziehen. Auch Kutter aus anderen EU-Staaten sind dort unterwegs: Im Jahr 2018 kehrten sie mit insgesamt 860.000 Tonnen Fisch in ihre Heimathäfen zurück. Nach Angaben des britischen Marinezentrums NAFC ist das acht Mal so viel wie britische Fischer aus den restlichen EU-Gewässern gezogen haben.

Umstrittene Fangquoten

Das Thema hat nicht zuletzt politischen Charakter. Denn wirtschaftliche Argumente greifen kaum: Der Fischfang macht gerade einmal 0,03 bis 0,04 Prozent der britischen Wirtschaftsleistung aus. In Frankreich ist das Verhältnis ähnlich. Vergleichbar ist auch die Flottengröße: an die 6000 Schiffe. Doch hängen zehntausende Jobs auf beiden Seiten des Kanals von der Branche ab, die noch dazu für einzelne Gegenden - wie etwa Schottland - essenziell ist. Hinzu kommt die symbolische Wirkkraft. Die Gestalt des Fischers, der Wind und Wogen trotzt, um die Menschen mit Nahrung zu versorgen, ist mit dem Erzählstrang von einer Seefahrernation wie Großbritannien unweigerlich verbunden.

Außerdem hat die Berufsgruppe eine starke Lobby, sowohl in Großbritannien als auch in Frankreich. Die haben zwar andere, ökonomisch gewichtigere Branchen ebenfalls, doch mit dem pittoresken und romantisierten Fischereibild können sie kaum mithalten.

Daher ist nicht nur Premier Johnson unter Druck. Auch der französische Staatspräsident Emmanuel Macron sieht sich Forderungen des Industriezweiges ausgesetzt. In der EU sind auch noch unter anderem die Niederlande, Belgien und Dänemark in unterschiedlichem Ausmaß auf den Zugang zu den britischen Gewässern angewiesen. Die EU-Mitglieder wünschen sich eine langfristige Regelung zu den Fangquoten, die den Fischern Planungssicherheit geben würde. Die Briten wiederum drängen darauf, den Zugang jährlich neu zu verhandeln. Als Beispiel dient dabei ein entsprechendes Abkommen mit Norwegen.

Abhängig vom Export

Die britischen Interessensverbände weisen darauf hin, dass die bisherigen Quotenregelungen für Fischer von der Insel durchaus unfair waren. Die nationale Fischereivereinigung NFFO rechnet vor: Während der britische Anteil am Dorsch, der im Kanal gefangen wird, rund neun Prozent betrage, liege der französische bei 84 Prozent. Beim Schellfisch sei das Verhältnis zehn zu 66 Prozent.

Auf der anderen Seite ist die Fischindustrie auf der Insel eng verbunden mit jener auf dem Kontinent. Mehr als drei Viertel der britischen Ware wird in die EU exportiert und teilsweise erst dort weiterverarbeitet. Dieser Prozess könnte teurer werden, wenn ihre Kollegen aus der EU keinen Zugang mehr zu britischen Gewässern hätten, fürchten manche britische Unternehmen.

In den letzten Monaten haben die Verhandlungen über ein Handelsabkommen zwischen Brüssel und London jedenfalls keine Fortschritte gebracht. Daher warnte Vize-Kommissionspräsident Valdis Dombrovskis am Mittwoch erneut: Es seien schon die letzten Momente gekommen, in denen eine Vereinbarung über die künftigen Beziehungen zu erreichen sei, bevor mit Jahresanfang ein No-Deal-Szenario eintritt. Auch Johnson räumte ein, dass die Zeit "sehr kurz" sei.

Hinter den Kulissen dürfte es vor allem unter den EU-Mitgliedern einige Gespräche mit den Fischereinationen geben, um sie zu überzeugen, einen Vertragsabschluss nicht an den Fischereirechten scheitern zu lassen. Doch nach außen hin zeigt sich die EU geschlossen und betont: Es liege nun an Großbritannien, sich zu entscheiden.