Die Debatte um Skifahr-Verbote schaukelt sich hoch – und sie wird nicht mehr nur auf regionaler und Länder- sondern auch auf EU-Ebene geführt. Obwohl sich EU-Vertreter beeilten zu betonen, dass die Union hier keine Kompetenz habe. Zwar würden die 27 Mitgliedstaaten gemeinsam mit den EU-Institutionen daran arbeiten, durch koordinierte Maßnahmen die Corona-Pandemie einzudämmen, erklärte Martin Selmayr, Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich, via Aussendung. Jedoch: "Ob Gaststätten- oder Schulschließungen oder auch Beschränkungen von Sport oder Tourismus: Darüber zu beschließen ist nach EU-Recht Aufgabe nationaler Regierungen und Parlamente."

Die Diskussion über den Wintertourismus lässt das freilich nicht abebben. Trotz lokaler und nationaler Zuständigkeiten bitten in Deutschland die Länder den Bund, ein Verbot der Skiferien auf EU-Ebene zu prüfen. Das geht laut der Nachrichtenagentur Reuters aus dem Papier der 16 Ministerpräsidenten für die Abschlussrunde mit Kanzlerin Angela Merkel hervor. "Die Bundesregierung wird gebeten, auf europäischer Ebene zu abgestimmten Regelungen zu kommen, um bis zum 10. Januar Skitourismus nicht zuzulassen", heißt es darin.

Mit ein Auslöser für das Tauziehen um die Gäste ist der Wunsch der italienischen Regierung, die Skipisten im Kampf gegen das Coronavirus über Weihnachten europaweit gesperrt zu lassen. Bayern und Frankreich unterstützten den Vorschlag rasch. Das Argument: Ein Verbot ergebe nur dann Sinn, wenn Skifahrer nicht in andere Länder ausweichen könnten. Also Deutsche etwa nach Österreich.

Söder: Skiurlaub besser unterlassen

In der Alpenrepublik fällt die Idee einer allgemeinen Pistensperre keineswegs auf fruchtbaren Boden – zu wichtig ist das Geschäft Ende Dezember, zu viele Arbeitsplätze hängen am weihnachtlichen Skitourismus. Doch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder lässt sich von diesen Motiven nicht beeindrucken: Wer in Risikogebieten Skifahren gehe, müsse eben zehn Tage in Quarantäne, befand der CSU-Politiker.

Der Appell von Markus Söder (CSU) an die Bevölkerung, Skiurlaube in diesem Jahr zu unterlassen, ist jedenfalls eindringlich. Diese Art von Tourismus "konterkariere alle Bemühungen der Bevölkerung" das Virus zu bekämpfen, so Söder am Mittwochabend in der ZDF-Sendung "Markus Lanz - Das Jahr 2020". Da man sich auf ein Verbot von Skigebieten bisher auf europäischer Ebene nicht verständigen konnte, solle man an eine Reduzierung der Angebote denken, sagte Söder.

"Ski-Schlacht zwischen Kurz und Söder", titelte bereits die deutsche "Bild". Es wäre besser, "wenn wir nicht nur in Deutschland sagen: keine Ski-Gebiete, kein Tourismus – sondern auch Österreich dazu bringen würden", zitiert "Bild" Söder. Die Boulevardzeitung führt außerdem einen nicht namentlich genannten hohen deutschen Regierungsbeamten ins Treffen: "Die österreichische Regierung liegt falsch, wenn sie glaubt, dass wir die Risiko-Bewertung verändern", so die Quelle. "Solange es in Österreich so dramatisch aussieht, gibt es dafür keine Chance."

Prompt erntete Söder Kritik – nicht nur im benachbarten Österreich, sondern auch vom Koalitionspartner im Freistaat und von Tourismusvertretern. In Wien verwies Tourismusministerin Elisabeth Köstinger darauf, dass die österreichischen Betriebe bereits umfassende Sicherheitskonzepte erarbeitet hätten.

Albtraum wird wahr

Die Branche hat jedenfalls Grund zur Sorge. Für die heimischen Touristiker könnte ein Albtraum wahr werden, denn Österreich ist das Skiurlaubsland Nummer eins der Deutschen. In Tirol wird jeder dritte Euro mit Tourismus- und Freizeitdienstleistungen erwirtschaftet – und der Anteil der deutschen Gäste daran ist beträchtlich: Rund 51 Prozent der Übernachtungen wurden im Winterhalbjahr 2018/19 von Deutschen gebucht. Erst auf Platz zwei kommen heimische Gäste.

Und sollte Italien die Pisten sperren, Österreich seine aber offenhalten, dann wäre eine Reisewarnung Roms für österreichische Skigebiete wahrscheinlich. Wobei ausgerechnet die Südtiroler Bergsteiger-Legende Reinhold Messner Rom den Rücken stärkt: Bis Jänner, wenn es bis dahin die Ansteckungswerte erlauben, mit dem Öffnen der Pisten und Betriebe zu warten, sei keine Wahl, sondern ein Muss, meinte er.

Umgekehrt sind die steirischen Seilbahnbetreiber bereits in die Gegenoffensive gegangen: Die Vorstöße aus Italien und Bayern seien völlig unverständlich, denn: "Der größte Feind des Virus sind viel Bewegung im Freien und frische Luft, und beides können wir neben akribisch umgesetzten Sicherheitsmaßnahmen in jedem Fall garantieren", teilte Fachgruppen-Obmann Fabrice Giradoni mit. Die Pisten werden seit Tagen beschneit. "Wir haben umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen ausgearbeitet. Ein baldiger Beginn ist nicht nur für die Seilbahnen, sondern für die gesamte Wirtschaft in den steirischen Regionen von zentraler Bedeutung." In Vorarlberg wird das ähnlich gesehen: "Eine Wintersaison wird es geben, wenn auch eine andere", sagten die Landesräte Christian Gantner und Marco Tittler. Die Schließungs-Forderungen aus Italien und Bayern seien jetzt die "völlig falsche" Botschaft: "Vorarlberg sagt den Winter sicher nicht ab."

Kanzler Sebastian Kurz gab sich Mittwoch vorsichtig und wollte sich nicht festlegen, wann die Skigebiete wieder aufsperren: "Wir sind alle keine Hellseher", stellte er fest. Man werde versuchen, bei den Öffnungsschritten sinnvoll und gerecht zu entscheiden. Finanzminister Gernot Blümel und Tourismusministerin Köstinger hatten zuvor bereits Geld aus Brüssel gefordert, sollte es ein Skiverbot zu Weihnachten geben. (red.)