Bern. Die Schweizer geben am Sonntag wieder ein Musterbeispiel in direkter Demokratie ab. Trotz der Ablehnung durch alle Regierungsparteien und das Parlament startet eine Volksinitiative aus der Pole Position in den Abstimmungstag. 57 Prozent der Stimmbürger wollen einer Umfrage des Schweizer Fernsehens zufolge die "Konzernverantwortungsinitiative" unterstützen, die Multis weltweit zur Achtung von Menschenrechts- und Umweltstandards verpflichten soll.

Die große Zustimmung überrascht, haben sozialpolitische Initiativen in der mehrheitlich konservativen Wählerschaft der Schweiz doch meist eher wenig Chancen. Allerdings wird die Vorlage von Altpolitikern quer durch das Spektrum unterstützt und fordert nach eigenem Bekunden "eine Selbstverständlichkeit", nämlich, dass Schweizer Konzerne wie Nestle oder Swatch künftig dafür haften müssen, wenn ihre Tochterfirmen im Ausland grobe Menschenrechtsverletzungen begehen oder Umweltschäden verursachen.

Penibel Beispiele gesammelt

Der Zuspruch für die Initiative liegt auch daran, dass sie mehrere Jahre detailliert vorbereitet wurde. So zeigte eine Untersuchung der Hilfsorganisationen "Brot für Alle" und "Fastenopfer" in den Jahren 2012 bis 2017 insgesamt 64 Verletzungen von Menschenrechten oder Umweltstandards durch Schweizer Konzerne: von Kinderarbeit bis zu vergifteten Flüssen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erklärte im Vorfeld des Referendums, dass etwa große Schweizer Schmuckproduzenten keine Rückverfolgbarkeit ihrer Diamanten leisten und es in Ländern wie Venezuela oder Ghana "schreckliche Menschenrechtsverletzungen" oder gefährliche Kinderarbeit beim Goldabbau gebe.

Der Bundesrat (Regierung) und Parlament sowie der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse lehnen die Initiative ab. Laut Economiesuisse-Präsident Christoph Mäder würden die Schweizer Firmen "ihre Verantwortung für Mensch und Umwelt" schon jetzt "auf freiwilliger Basis" wahrnehmen.

Allerdings haben die Unternehmenslobbyisten auch ungewöhnlichen Gegenwind aus eigenen Reihen. Dietrich Pestalozzi, Chef des gleichnamigen Bauunternehmens, meint, dass Freiwilligkeit allein zu wenig sei: "Die Berichterstattungspflicht ohne wirkliche Konsequenzen verhindert die Verletzung von Menschenrechten im Ausland leider nicht."