Zweieinhalb Jahre nach dem vereitelten Sprengstoffanschlag auf die Jahreskonferenz der oppositionellen Exil-Iraner in Frankreich hat am Freitag in Belgien der Prozess gegen vier mutmaßliche Tatbeteiligte begonnen. Ein Gericht in Antwerpen wirft ihnen vor, das Attentat auf die Veranstaltung "Free Iran" in Villepinte bei Paris am 30. Juni 2018 geplant und vorbereitet zu haben. Ziel war es offenbar, führende Oppositionsmitglieder auszuschalten und den Westen zu diskreditieren: Unter den 25.000 Teilnehmern befanden sich neben der Anführerin der Volksmudjaheddin und Präsidentin des Nationalen Widerstandsrats des Iran (NWRI), Maryam Rajavi, auch internationale Granden wie der ehemalige New Yorker Bürgermeister und spätere Anwalt von Donald Trump, Rudy Giuliani, Frankreichs Ex-Außenminister Bernard Koucher und Kanadas Ex-Premier Stephen Harper.

Fäden laufen in Wien zusammen

Die Fäden für die in letzter Minute gestoppte Bluttat liefen der belgischen Staatsanwaltschaft zufolge in Wien zusammen: Einer der Angeklagten, der Iraner Assadollah A., war zum Tatzeitpunkt an der iranischen Botschaft in Wien als Diplomat akkreditiert. Er gilt als Mastermind hinter dem geplanten Terrorkomplott: Der 48-Jährige soll Mitarbeiter des iranischen Geheimdienstes MOIS (Ministerium für Nachrichtenwesen) gewesen sein, zu dessen Aufgaben die Beobachtung und Bekämpfung oppositioneller Gruppierungen innerhalb und außerhalb des Iran gehört. Laut Erkenntnissen der Ermittler soll er auch den Sprengstoff in einem Diplomatenkoffer von Iran nach Österreich geschmuggelt haben. Es sei davon auszugehen, dass Assadollah A. im Auftrag Teherans gehandelt hat, heißt es in Paris.

Assadollah A. war am 1. Juli 2018, dem Tag nach dem geplanten Attentat, in Bayern festgenommen und dann unter heftigen Protesten der Regierung in Teheran von Deutschland an Belgien übergeben worden. Der Iran behauptet, dass der Diplomat unschuldig sei, und ist der Meinung, dass er nicht hätte ausgeliefert werden dürfen. Die deutsche Justiz wies dies mit dem Argument zurück, Assadollah A. sei bei seiner Festnahme nicht unter diplomatischem Schutz gestanden, weil er sich außerhalb Österreichs auf einer Urlaubsreise befand. Die deutsche Bundesanwaltschaft hatte gegen den Mann einen Haftbefehl unter anderem wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit und Verabredung zum Mord erwirkt.

Ehepaar mit Sprengstoff im Auto rechtzeitig gestoppt

Zu den weiteren Angeklagten in Antwerpen gehört ein in Belgien lebendes Ehepaar mit iranischen Wurzeln, das den Anschlag nach den Ermittlungen hätte ausführen sollen. Assadollah A. soll ihm dafür wenige Tage vor dem geplanten Attentat in Luxemburg eine Sprengvorrichtung mit insgesamt 500 Gramm des hochexplosiven Sprengstoffes Triacetontriperoxid (TATP) übergeben haben. Belgische Spezialeinheiten hatten das Paar, das offenbar bereits observiert worden war, mit dem Sprengstoff im Auto rechtzeitig auf dem Weg nach Frankreich gestoppt und festgenommen.

Die EU hatte Assadollah A. bereits Anfang 2019 auf ihre Terrorliste gesetzt und damit unter anderem das Einfrieren seiner in der EU vorhandenen Vermögenswerte ermöglicht. Zudem war auch die Direktion für innere Sicherheit des Geheimdienstes MOIS gelistet worden.

Ein Urteil in dem Prozess wird frühestens gegen Ende Dezember erwartet. Den Angeklagten drohen bis zu 20 Jahre Haft.

Anschlag auf iranischen Atomphysiker

Im Iran ist derweil am Freitag ein hochrangiger Atomphysiker einem Anschlag zum Opfer gefallen. Wie der iranische Staatssender IRIB berichtete, soll Mohsen Fakhrizadeh-Mahabadi in Ab-e Sard, einem Vorort östlich der Hauptstadt Teheran, "von Terroristen" erschossen worden sein. Der 63-jährige Kernphysiker war Mitglied der Revolutionsgarden und ein Experte für die Herstellung von Raketen.

Fakhrizadeh stand bei westlichen Staaten und in Israel sowie bei im Exil lebenden Gegnern der iranischen Führung im Verdacht, der Architekt eines verdeckten Atomwaffenprogramms gewesen zu sein, das 2003 eingestellt worden sei. Teheran vermutete Israels Geheimdienste hinter dem Anschlag. Premier Benjamin Netanjahu hatte 2018 über den Atomphysiker gesagt: "Erinnert euch an diesen Namen." Die USA und Israel lehnten eine Stellungnahme zu dem nunmehrigen Attentat ab. (apa, reu, dpa)