London/Dublin/Brüssel. Eine Frist, die abläuft, wäre nichts Neues in den Brexit-Gesprächen. Schon der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union selbst hatte sich verzögert, und auch danach wurden einige Termine nicht eingehalten. Oder Chancen auf eine Fristverlängerung ausgeschlagen. Immerhin hätte London die Möglichkeit gehabt, etwas mehr Zeit für die Verhandlungen über einen Handelspakt mit der EU zu erhalten, bevor es mit Jahresende zu einem harten Bruch käme und die Beziehungen zwischen der Insel und dem Kontinent ungeregelt blieben. Doch Premier Boris Johnson hatte diese Option verworfen.

Daran erinnerte am Montag der irische Außenminister Simon Coveney. "Die britische Regierung hätte eine deutlich längere Übergangsphase haben können, aber sie hat sie abgelehnt, und trotzdem schiebt sie nun die Schuld der EU zu - das ist einfach lächerlich", sagte er der BBC.

Gleichzeitig drängte Coveney darauf, ein Abkommen zu fixieren. Denn die Zeit wird knapp; für eine Vereinbarung bleiben gerade einmal gut vier Wochen.

Das ist auch dem Kabinett in London bewusst. Chefverhandler David Frost setzt auf eine Weiterführung der Gespräche, und Umweltminister George Eustice bezeichnete diese Woche als eine "entscheidende", in der ein Durchbruch nötig wäre. Auch Premier Johnsons Sprecher betonte, Großbritannien sei durchaus interessiert, so schnell wie möglich einen Handelspakt zu schließen. Jedoch: Die Verhandlungsposition werde sich nicht ändern.

Das sind Aussagen, an die die Union bereits gewöhnt ist - und umgekehrt sind sie ihr auch nicht fremd. Denn auch EU-Politiker betonen immer wieder, dass die Gemeinschaft ihre Eckpunkte schon abgesteckt hat. "Wir brauchen kein Brexit-Abkommen um jeden Preis", erklärte am Montag die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Dennoch sei ein Deal im Interesse beider Seiten - und das auch aus einer internationalen Perspektive. Immerhin würden die EU und Großbritannien die gleichen Werte teilen. Wenn sich die zwei nicht einigen würden, wäre das nicht zuletzt ein schlechtes Signal an die Welt.

Knackpunkt Fischfang

All die Appelle ändern aber kaum etwas daran, dass es keine Annäherung zwischen London und Brüssel bei den Knackpunkten gegeben hat. Zu den umstrittenen Themen gehören ein Mechanismus zur Schlichtung von Streitigkeiten und gleiche Wettbewerbsregeln, von denen die zwei Seiten unterschiedliche Vorstellungen haben. Ebenso gibt es ein heftiges Tauziehen um Fischereirechte, die die EU für die Branche am Kontinent weiter sichern möchte. Für Großbritannien ist es ein hochpolitisches Thema, obwohl der Fischfang nur 0,03 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht.

Doch nicht nur auf dem Kontinent wächst die Ungeduld im Zusammenhang mit den Handelsgesprächen, sondern auch in Schottland. Dort will Regionalpräsidentin Nicola Sturgeon im kommenden Jahr schnell ein neues Referendum über die Unabhängigkeit der britischen Provinz abhalten. "Je schneller Schottland die Macht der Unabhängigkeit haben kann, um unsere Zukunft planen zu können, desto besser für uns alle", sagte sie dem Sender Sky News. "Ich schließe nichts aus."

Sie wolle nach Möglichkeit ein neues Referendum Anfang der neuen Legislaturperiode des schottischen Parlaments, meinte Sturgeon. In der Provinz, in der eine Mehrheit der Menschen für einen Verbleib in der EU gestimmt hatte, wird nächstes Jahr gewählt.(czar/reu/dpa)