Ein Wort genügt für eine heftige politische Debatte, in diesem Fall "Herkunftsländer". Bundeskanzler Sebastian Kurz begründete Einreisebeschränkungen über Weihnachten bis in den Jänner mit früheren Erfahrungen, aufgrund von "Reiserückkehrern und insbesondere durch Menschen, die in ihren Herkunftsländern den Sommer verbracht haben". Die Datenlage dazu ist aber alles andere als eindeutig. So erklärte etwa die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) am Freitag, in ihrem Meldesystem würden Daten wie die Staatsangehörigkeit der Getesteten erhoben, nicht aber das Geburtsland.

Was sich sicher sagen lässt: In den Westbalkan-Staaten ist das Corona-Infektionsgeschehen derzeit teils besorgniserregend hoch. Am schlechtesten schneidet Serbien ab. Dort steigt die Kurve seit Ende Oktober ungebrochen. Mehr als 1.000 Personen pro einer Million Einwohner wurden in Durchschnitt der vergangenen sieben Tage positiv getestet. Ein derart hoher Wert findet sich derzeit nirgends sonst in Europa. In Österreich sind es 434 Personen.

Diese Zahlen sind auch hierzulande relevant, leben doch 122.000 serbische Staatsbürger in Österreich. Würde nur ein Zehntel von ihnen in die Heimat reisen, um Weihnachten oder das Neujahrsfest zu feiern, wäre eine fünfstellige Zahl an Personen unterwegs. Dazu kämen noch Österreicher mit serbischem Migrationshintergrund.

Verfrühtes Lob aus Brüssel

Bisher sträubte sich die Regierung in Belgrad gegen einen Lockdown in der Gastronomie. Doch mit Freitag müssen Cafés, Restaurants und Bars zumindest an Wochenenden sperren, dürfen nur noch wochentags von fünf bis 17 Uhr offenhalten. Einkaufszentren und Frisöre fallen ebenso unter die neue Regelung, während Lebensmittelgeschäfte und Apotheken nicht schließen müssen.

Dabei hatte die EU-Kommission Serbien in ihrem Herbstausblick noch als jenes europäische Land geadelt, dessen Wirtschaft am besten durch die Krise kommt. Der Nachteil, nur wenige Touristen anzulocken, geriet in Zeiten der Pandemie zum Vorteil.

Dafür stiegen die Exporte aus der krisensicheren Landwirtschaft. Und tatsächlich machte sich nach dem strengen Lockdown im März und April Optimismus breit, die Maßnahmen wurden gelockert - viel zu stark, aber mit Blick auf die Parlamentswahl im Juni. Die nationalpopulistische Fortschrittspartei SNS von Präsident Aleksandar Vucic wurde mit einer sagenhaften Mehrheit von 63 Prozent ausgestattet. Als Vucic kurz nach der Wahl eine Ausgangssperre ausrief, rebellierten viele Bürger. Viele misstrauen den Behörden, auch weil die Zahl der mit Covid-19 Verstorbenen geschönt wurde, wie das Online-Magazin "Balkan Insight" aufdeckte. Seitdem zögerte die Regierung verschärfte Maßnahmen so lange wie möglich heraus.

Der ungebrochene Infektionstrend könnte auch mit einem potenziellen Massenspreader-Ereignis zusammenhängen. Im November verstarb Patriarch Irinej mit dem Coronavirus. Tausende versammelten sich bei der Totenfeier in der größten serbisch-orthodoxen Kirche des Landes, Kirchenvertreter traten ohne Maske auf, küssten den Glassarg des Verstorbenen und nahmen die Kommunion mit demselben Löffel ein. Serbiens Ärztekammer nannte die Trauerfeier ein Ereignis "von höchstem Risiko".

Halb so viele Tests

Nicht viel weniger dramatisch als in Serbien stellt sich derzeit die Lage in Kroatien dar. Dort hat die Infektionskurve seit Anfang Oktober einen ähnlichen Verlauf genommen wie in Österreich, anders als hierzulande ist auf den steilen Anstieg jedoch kein Abschwung erfolgt. So verzeichnete Kroatien am 3. Dezember mit 828 Corona-Fällen pro einer Million Einwohner im Sieben-Tagesschnitt den zweithöchsten Wert in Europa. Die Dunkelziffer dürfte dabei freilich noch deutlich höher sein. Das Vier-Millionen-Einwohner-Land testet nicht nur lediglich halb so viel wie Österreich, mit knapp 35 Prozent ist auch der Anteil der positiven Befunde - immer gemessen an der Gesamtzahl der durchgeführten Tests - derzeit mehr als doppelt so hoch.

Bisher hat Kroatien, das schon im Sommer wegen ausgelassen feiernden Party-Urlaubern in die Kritik geraten war, aber nur milde Maßnahmen getroffen. So gab es bis Anfang Dezember etwa nur eine Maskenpflicht für Innenräume und vorgezogene Sperrstunden für die Gastronomie. Und auch die danach in Kraft getretenen und vorerst bis 21. Dezember gültigen Verschärfungen sind im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern deutlich weniger restriktiv. Restaurants und Cafés sowie Sporteinrichtungen sind zwar geschlossen worden, doch Schulen, Einkaufszentren, Kultureinrichtungen und Gotteshäuser bleiben auch weiterhin offen. Nach wie vor dürfen sich in Kroatien auch bis zu zehn Menschen treffen.

Weitreichende Ausgangssperren oder sogar ein Lockdown stehen dagegen nicht auf der Liste von Ministerpräsident Andrej Plenkovic. Die Regierung sei gegen solche Maßnahmen, sagt der Vorsitzende der der nationalkonservativen HDZ, der mittlerweile ebenso wie seine Frau positiv auf das Coronavirus getestet wurde.

Dodik schert wieder aus

Kroatien ist jedoch nicht nur beliebte Destination für heimische Urlauber, das Land stellt mit 84.000 Personen auch die drittgrößte Gruppe von Menschen aus Ex-Jugoslawien, die in Österreich leben. An zweiter Stelle liegen jene rund 97.000 Menschen aus Bosnien-Herzegowina. In ihrem Heimatstaat ist die Infektionslage derzeit vergleichsweise gut. 317 Fälle pro einer Million Einwohner im Sieben-Tages-Schnitt bedeuten um 117 weniger als in Österreich. Das Alltagsleben ist vergleichsweise gering eingeschränkt: Cafés, Restaurants und Bars haben ebenso geöffnet wie Kinos und Museen. In der von Bosniaken und Kroaten bewohnten Föderation herrscht zwischen 23 und 5 Uhr Ausgangssperre und in der Öffentlichkeit Maskenpflicht, wenn der Mindestabstand von zwei Metern nicht eingehalten werden kann. Auch in geschlossenen öffentlichen Räumen muss der Mund-Nasen-Schutz angelegt werden, und zwar im gesamten Land.

In der serbischen Entität, der Republika Srpska, schert Enfant terrible Milorad Dodik hingen wieder einmal aus: Patienten werden nicht mehr getestet, wenn sie nur ein Covid-Symptom aufweisen. Die tatsächlichen Infektionszahlen liegen daher mit Sicherheit weit über den offiziell gemeldeten.