Bei den womöglich entscheidenden Brexit-Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und Großbritannien zeichnet sich kein Durchbruch ab. Die Gespräche am Sonntag in Brüssel hätten noch kein Ergebnis gebracht, sagten Diplomaten beider Seiten am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. Weitere Verhandlungsrunden sind angesetzt. Am Montagabend sollen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der britische Premierminister Boris Johnson den Stand der Gespräche bewerten. Sollte es in den nächsten Tagen nicht doch noch eine Einigung über die künftigen Beziehungen zueinander samt Freihandelsabkommen geben, droht Anfang 2021 ein harter Bruch mit größeren Verwerfungen für die Wirtschaft.

Ein EU-Diplomat sagte, der Ball liege nun im Feld Großbritanniens. Johnson ist einem Zeitungsbericht der "Sun" zufolge indes bereit, den Stecker zu ziehen, sollte die EU nicht noch auf britische Forderungen eingehen. Der EU-Diplomat ergänzte, es sei bislang nicht gelungen, bei den drei Hauptstreitpunkten Brücken zu bauen - den künftigen Fischerei-Rechten, Garantien für einen fairen Wettbewerb und einen Streitschlichtungsmechanismus im Falle von Verstößen gegen das geplante Abkommen. "Der Ausgang ist weiter offen, es kann in beide Richtungen gehen." Das Spiel sei jetzt in der finalen Phase. "Die Zeit läuft schnell ab."

London schließt jedenfalls weitere Gespräche nächstes Jahr aus. Ein Sprecher von Boris Johnson sagte, dass Großbritannien die Übergangsphase nicht verlängern und es keine Verhandlungen mehr geben werde.

Diplomaten zufolge hat EU-Chefunterhändler Michel Barnier die 27 Mitgliedstaaten am Montagmorgen darüber unterrichtet, dass es noch keine Einigung gebe. Er habe sich mit Blick auf die Chancen eher pessimistisch geäußert. Barnier habe aber weitere Gespräche mit dem britischen Chefunterhändler David Frost angekündigt.

Am 31. Dezember endet die Übergangsfrist, in der Großbritannien nach dem offiziellen Brexit noch EU-Regeln anwenden muss. Danach droht Chaos, sollte es keine Einigung in letzter Minute geben. Experten rechnen dann mit höheren Zöllen auf viele Produkte sowie lange Wartezeiten an der Grenze. "Auf jeden Fall hat Genauigkeit Vorfahrt gegenüber dem Zeitplan", so ein EU-Diplomat. In der Vergangenheit waren Fristen immer wieder nach hinten geschoben worden. Johnson hat aber eine Verlängerung der Übergangszeit mehrfach ausgeschlossen.

Risiko "Harter Brexit" nimmt zu, das Pfund ist unter Druck

Die Investmentbank JP Morgan taxiert das Risiko für einen harten Brexit ohne Handelspakt mittlerweile auf rund 33 Prozent, nachdem es zuletzt nur 20 Prozent waren. Das Pfund fiel zu Wochenbeginn zum Dollar um ein Prozent auf den niedrigsten Stand seit zweieinhalb Wochen.

Am Montag wird sich das britische Parlament erneut mit dem umstrittenen Binnenmarktgesetz beschäftigen. Der Entwurf dafür hat die EU in Aufruhr versetzt, weil dadurch potenziell Teile des Brexit-Vertrags untergraben werden. Für Johnson dient es als Sicherheitsnetz, falls die Verhandlungen mit der EU keine abschließende Regelung zum Warenhandel bringen. Das Gesetz würde London die Möglichkeit geben, die im Brexit-Vertrag festgeschriebene Regelung auszuhebeln, nach der in der britischen Provinz Nordirland auch künftig EU-Zollregeln gelten sollen. Die EU hat mit juristischen Schritten gedroht. Auch in Johnsons eigener Partei ist der Vorstoß umstritten.  (reuters)