Die Zahlen sprechen für sich – und gegen Deutschlands jetzigen Corona-Kurs. Europa größtes Land, das bis vor Kurzem bravourös durch die Pandemie gekommen ist, steht nun vor andernorts allzu bekannten Problemen. Die gemeldeten Neuninfektionen überschritten am Mittwoch die Marke von 20.000 Personen. Bei der Sieben-Tages-Inzidenz, welche die Neuinfektionen in den abgelaufenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnern angibt, musste das Robert-Koch-Institut am Mittwoch mit fast 149 einen bisherigen Höchststand vermelden. Dabei liegt die Zielmarke um fast 100 Personen niedriger. Und auch die Zahl der Toten binnen eines Tages stieg auf einen neuen Höchstwert, nämlich 590 Menschen.

Der Ende November beschlossene "Lockdown light", bis 10. Jänner angedacht, greift nicht wie gewünscht. Also drängte Kanzlerin Angela Merkel am Mittwoch im Bundestag zu härteren Maßnahmen: Nicht nur sollen Geschäfte nach Weihnachten bis zum Stichtag im Jänner geschlossen bleiben. Die wegen Weihnachten und Silvester angedachte Lockerung der Kontaktbeschränkungen könnte zurückgenommen werden. "Die Zahl der Kontakte ist zu hoch. Die Reduktion der Kontakte ist nicht ausreichend", machte Merkel deutlich und verwies auf die Punschstände. Als dritte mögliche Maßnahme gilt ein früherer Ferienbeginn in Schulen, die Kanzlerin brachte dafür den Mittwoch kommender Woche ins Spiel.

Wissenschafter senden "letzte Warnung"

Merkel orientiert sich bei den geplanten Maßnahmen an den Forderungen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Am Vortag veröffentlichten 28 Vertreter ein unmissverständliches Plädoyer für einen harten Lockdown. Sie wollen, dass das öffentliche Leben bis in den Jänner "weitgehend ruht", lediglich Geschäfte "für den täglichen Bedarf" sollen geöffnet bleiben. Urlaubsreisen und größere Zusammenkünfte – auch über die Feiertage und Neujahr – sollen tabu sein. Statt Besuchen in der gesamten Verwandtschaft seien "Kontakte nur in sehr engem, auf wenige Personen begrenzten Familien- oder Freundeskreis" angesagt. Von einer "deutlichen und letzten Warnung der Wissenschaft" spricht Deutschlands führender Virologe, Christian Drosten. Er hat die Leopoldina-Erklärung mitverfasst. Experten aus Bildungswissenschaft und Gesundheitspsychologie waren daran ebenso beteiligt wie die Ökonomen Clemens Fuest und Regina Riphahn. Sie konzedieren zwar kurzfristig erhöhte Wertschöpfungsverluste bei einem harten Lockdown. Dafür verkürze sich der Zeitraum, nach dem wieder eine Lockerung eintreten kann. Die Forscher warnen vor sanften, aber über Monate andauernden Schließungen – und den dadurch notwendigen weiteren öffentlichen Förderungen. Dabei steht dem Bund bereits die zweithöchste Neuverschuldung in Deutschlands Geschichte bevor, sie liegt bei 180 Milliarden Euro 2021.

Sorge vor Einkaufstourismus im Nachbar-Bundesland

So einfach lassen sich die Pläne von Merkel und den Wissenschaftern aber nicht umsetzen. Infektionsschutz ist in Deutschland Sache der Bundesländer, die Kanzlerin kann nur in Einklang mit den 16 Ministerpräsidenten agieren. Über die Anpassung des Teil-Lockdowns wollten Bund und Länder ursprünglich erst am 4. Jänner wieder zusammenkommen. Das Infektionsgeschehen unterscheidet sich derzeit gravierend: Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen melden deutlich unter 100 Personen bei der Sieben-Tage-Inzidenz. Die höchsten Werte gibt es in den drei Freistaaten Bayern (179), Thüringen (187) und Sachsen (315).

Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge liegt der Inzidenzwert sogar bei 526. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) warnt vor einer "extrem angespannten" Situation in den Spitälern, "und das jetzt schon ohne die saisonale Grippe". Sachsens Landesregierung beschloss daher bereits, dass ab kommendem Montag der Einzelhandel bis auf lebensnotwendige Versorgung geschlossen wird, auch Schulen und Kindergärten sind vom harten Lockdown betroffen. Das benachbarte Thüringen geht zwar nicht so weit, die geplanten Lockerungen zu Weihnachten wurden aber kassiert.

Merkel arbeitet an einheitlicher Lösung

Regional begrenze Maßnahmen schaffen jedoch Schlupflöcher. Und so sorgt sich nun Sachsen-Anhalt, wo der Inzidenzwert um knapp zwei Drittel niedriger ist als beim sächsischen Nachbarn. Des Lockdowns überdrüssige Bürger könnten kurzerhand zum Weihnachtsshopping über die Landesgrenze kommen und so die Corona-Zahlen in die Höhe treiben. Sie fürchte, dass sich "das Ganze noch mal wieder in unser Land verschiebt", erklärte Sachsen-Anhalts Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD).

Je weiter die Infektionszahlen steigen, desto höher wird auch der Druck auf die Länder, eine einheitliche Lösung zu finden. Nordrhein-Westfalen, Berlin und Bayern – dort sind die Corona-Fälle in den Grenzregionen zu Österreich und Tschechien besonders hoch – haben sich bereits für die weitgehende Schließung des Handels ausgesprochen. Merkel wird es mit Wohlwollen vernommen haben.

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