Klare Ansagen hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Mittwochabend bei ihrem Treffen mit dem britischen Premierminister Boris Johnson hinsichtlich der Corona-Regeln: "Halten Sie Abstand!" sagte sie, als sich die beiden der versammelten Presse präsentierten. Ganz kurz nahmen sie die Masken für ein Foto ab, bevor von der Leyen ihrem Gast klarmachte, dass der Mund-Nasen-Schutz wieder aufgesetzt werden muss. "Sie führen ein strenges Regiment", raunte Johnson und fügte hinzu: "Aber auch ziemlich zu Recht."

Johnson war nach Brüssel gekommen, um mit der Kommissionspräsidentin bei einem Abendessen über die ungelösten Fragen in den Verhandlungen zum Brexit-Handelspakt zu sprechen. Der britische Premier sieht sein Land beim aktuellen Brexit-Poker auf Augenhöhe mit der EU. Diese Einschätzung ist verständlich, spiegelt die realen Kräfteverhältnisse aber nicht, wie eine Studie des Münchner Ifo-Instituts belegt. Laut Daten-Auswertung trifft der Brexit die Briten wirtschaftlich wesentlich härter als die EU.

"Beide Seiten verlieren, nur das Vereinigte Königreich eben deutlich mehr. Ein Handelsabkommen ab 1. Jänner liegt im beiderseitigen Interesse", so die Ifo-Außenhandelsexpertin Lisandra Flach. Im Jahr 2019 wickelte Großbritannien demnach 50 Prozent seiner Importe und 47 Prozent seiner Exporte mit der EU ab. Damit ist die Europäische Union der größte Markt für die Briten. Für die EU hingegen ist Großbritannien im Handel weniger relevant: Im Jahr 2019 gingen nur 4 Prozent der Exporte dorthin und 6 Prozent kamen von der Insel.

Briten suchen Alternativen

"In allen europäischen Ländern sind nur wenige Güter in hohem Maße von Importen aus dem Vereinigten Königreich abhängig. Daher wird der Anstieg der Handelskosten durch den Brexit für die Unternehmen in den 27 EU-Ländern eine wesentlich geringere Auswirkung haben als für die Unternehmen auf der Insel zu erwarten ist", so Flach.

Deshalb sind die Briten fieberhaft auf der Suche nach handelspolitischen Alternativen. Große Hoffnungen setzt man in die USA. Um ein Freihandelsabkommen voranzutreiben, hebt Großbritannien vom 1. Jänner 2021 an von der EU verhängte Strafzölle auf viele US-Produkte auf. Das zeige, dass es dem Vereinigten Königreich ernst sei, ein Abkommen mit den Vereinigten Staaten zu erzielen, so die britische Regierung am Mittwoch.

Man wolle den Konflikt deeskalieren und "zu einer Verhandlungslösung kommen, damit wir unsere Handelsbeziehungen mit den USA vertiefen und einen Schlussstrich ziehen können", so die britische Ministerin für internationalen Handel, Liz Truss.

Die EU hatte die von der Welthandelsorganisation WTO genehmigten Sonderabgaben wegen unerlaubter Subventionen für den US-Flugzeugbauer Boeing erhoben. Zuvor hatten die USA ihrerseits wegen unerlaubter Subventionen für den europäischen Flugzeugbauer Airbus Strafzölle erhoben, unter anderem auf schottischen Whisky. Die Whisky-Exporte in die USA brachen daraufhin um 30 Prozent ein.

Für Großbritannien wäre ein Freihandelsabkommen mit den USA in der Tat äußerst wichtig. Ansonsten fallen für den bilateralen Handel die Regeln der WTO an, die teils hohe Zölle vorsehen. Die Gespräche laufen noch.

Abkommen mit Kanada und Japan

Die Regierung behalte sich das Recht vor, die Strafzölle wieder einzuführen, falls es keine Fortschritte bei den Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten gebe, hieß es in der Mitteilung aus London weiter. Außerdem blieben die Strafzölle in Kraft, die die Europäische Union als Reaktion auf US-Sonderabgaben auf Stahl- und Aluminiumimporte verhängt hatte. Von den EU-Strafzöllen im Fall Boeing betroffen sind unter anderem US-Exporte von Nahrungs- und Genussmitteln wie Tomatenketchup, Nüsse, Rum und Wodka, aber auch Videospielkonsolen, Traktoren, Schaufellader und Flugzeuge.

Im Oktober haben sich Großbritannien und Japan auf ein Freihandelsabkommen geeinigt, im November kam es zu einer Vereinbarung mit Kanada. Diesen Vertrag unterzeichneten Großbritannien und Kanada am Donnerstag Abend. "Dies ist ein großartiger Deal für das globale Großbritannien. Er sichert Handel im Wert von 20 Milliarden Pfund (21,94 Milliarden Euro) mit einem Freund und Partner, der unser klares Bekenntnis zu freiem Handel teilt", sagte Wirtschaftsministerin Liz Truss am Mittwoch laut einer Mitteilung. Die EU wird aber auch in Zukunft der wichtigste Handelspartner britischer Firmen bleiben. (apa, dpa-afx, red)