EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen hält einen Brexit-Handelspakt mit Großbritannien inzwischen für unwahrscheinlicher als einen No Deal zum Jahreswechsel. Entsprechend informierte von der Leyen nach Angaben eines Diplomaten am Freitag die EU-Staats- und Regierungschefs beim EU-Gipfel in Brüssel. Der britische Premier Boris Johnson hatte sich am Donnerstagabend ähnlich geäußert.

Wie hoch die Chancen für eine Einigung noch seien, habe die Kommissionschefin nicht gesagt, hieß es. Von der Leyen hatte sich am Mittwochabend mit Johnson zum Krisengespräch getroffen, doch wurde kein Fortschritt erreicht. Beide Seiten setzten sich eine letzte Frist für Verhandlungen bis Sonntag. Großbritannien scheidet zum Jahresende aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion aus. Ohne Vertrag drohen Zölle und große Handelshemmnisse.

Auch der britische Premier Boris Johnson stieß ins selbe Horn: Es sei "sehr, sehr wahrscheinlich", dass Großbritannien ab Jänner ohne Handelsabkommen mit der EU dastehe. Er habe vonseiten der EU kein "großes Angebot, keine große Veränderung" im Konflikt um faire Wettbewerbsbedingungen und um Fischfangrechte gesehen, sagte Johnson am Freitag.

Bank of England schlägt Alarm

Der Brexit gefährdet der Bank von England (BoE) zufolge zudem den Handel mit Derivaten im Volumen von 200 Milliarden Dollar täglich. Es sei unklar, ob Investoren wie gefordert sämtliche Geschäfte mit auf Euro laufenden Kontrakten auf Handelsplätze innerhalb der EU verlagert hätten, teilt die britische Notenbank mit. Die tatsächlichen Auswirkungen würden daher erst nach dem Ende der Übergangsfrist am 31. Dezember zutage treten. Die BoE betonte, alle Mittel zu nutzen, um mögliche Verwerfungen abzufedern.

Britischer Handelsverband warnt vor "Zollbombe"

Der britische Handelsverband BRC warnt vor einer "Zollbombe" für Supermärkte und Verbraucher, falls das Vereinigte Königreich sich nicht mit der EU auf einen Brexit-Handelspakt einigt. In diesem Fall würden Zölle von durchschnittlich mehr als 20 Prozent auf frische Lebensmittel wie Obst und Gemüse fällig, die aus der EU importiert werden, teilte der BRC am Freitag mit. Derzeit stammen rund 80 Prozent der britischen Lebensmitteleinfuhren aus der EU. (apa, dpa, reu)