Kent war immer stolz auf die Bezeichnung "Garten von England". Anders als der industrielle Norden sah sich die Grafschaft im englischen Südosten auf der Sonnenseite der Nation. Obst-Plantagen, Hopfen-Felder und schön gepflegte Rosengärten galten als Inbegriff der Region zwischen den Ausläufern Londons und den Kreidefelsen von Dover - obwohl es natürlich auch in Kent stets lukratives Gewerbe gab. In diesem Winter aber fallen gleich zwei Schatten auf die Südostecke der Britischen Inseln.

Der eine ist der des Virus, das in dieser Region besonders stark wütet. Der zweite Schatten, der auf Kent fällt, könnte der Region freilich sehr viel länger zu schaffen machen. Er hat nichts mit Naturkatastrophen, dafür mit politischen Entscheidungen zu tun.

Wer die M20 hinunter fährt, die Haupt-Autobahn von London nach Dover, bekommt einen Vorgeschmack auf das, was Kent in Kürze erwartet. Versetzbare Beton-Barrieren zur Regulierung des Verkehrsflusses werden dort in aller Eile entlang der Fahrbahn installiert. Wo gearbeitet wird, ist die M20 tagelang gesperrt, der Verkehr wird auf kleine Landstraßen umgeleitet. In einem solchen Stau kann man stundenlang festsitzen. Ausweichmöglichkeiten gibt es nicht. In den kleinen Weilern, durch die man zwischen Schwerlastern im Schritt-Tempo zuckelt, stehen vor den Häusern kopfschüttelnde Menschen. Sie würden gerne im Hernewell Farmshop ihren Weihnachtsbaum kaufen oder einen Truthahn bestellen. Stattdessen können sie kaum die Straße überqueren.

Testlauf provozierte Stau

Grund für den Umstand ist natürlich das Ausscheiden Großbritanniens aus Binnenmarkt und Zollunion der EU zum Jahresende - und die Ungewissheit, ob es noch zu einem Deal mit "den Europäern" kommt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hält mittlerweile ein No-Deal-Szenario für wahrscheinlicher als einen Handelspakt mit den Briten.

Doch selbst im Falle einer Einigung würden neue Grenzkontrollen erforderlich, die lange Lkw-Schlangen auf dem Weg hinunter zum Eurotunnel in Folkestone oder zum Fährhafen von Dover zur Folge haben könnten. Im schlimmsten Fall, hat der für Brexit-Vorbereitungen zuständige Minister Michael Gove eingeräumt, müsse man mit einem täglichen Stau "von 7.000 Lastwägen" rechnen. 12.000 Lorries rollen Richtung Ärmelkanal jeden Tag.

Die Ungewissheit hat die Regierung zu einer Reihe von Notmaßnahmen getrieben, wie den Betonbarrieren entlang der M20. Schon ein "Probelauf" neuer Grenzkontrollen durch französische Grenzbeamte in Folkestone und Dover vor wenigen Tagen hat binnen weniger Stunden einen Acht-Kilometer-Stau produziert.

Um eine Totalverstopfung der großen Handels-Arterie zum Kontinent zu vermeiden, hat sich Minister Gove jüngst einen "Passierschein für Kent" ausgedacht, der helfen soll, die Zoll-Abfertigung zu beschleunigen. Spediteure aus dem ganzen Königreich sollen gezwungen sein, all die künftig benötigten Zoll-Dokumente schon vor der Abfahrt zusammenzustellen und auszufüllen. Ohne "Passierschein" durch Kent zu fahren, wird von Jänner an strafbar sein.

Diese Maßnahme hat freilich bittere Kommentare ausgelöst. Denn wie das Vorhandensein solcher "Passierscheine" an den Zufahrtspunkten von Kent geprüft werden soll, ist nicht nur den Bewohnern der Grafschaft rätselhaft. Offenbar, spotten Brexit-Gegner, beginne die Abgrenzung von Europa jetzt Grenzen im Vereinigten Königreich selbst nach sich zu ziehen. Nicht nur hätten Boris Johnsons Brexiteers Kontrollen zwischen Großbritannien und Nordirland akzeptiert. Nun solle es gar schon Grenzen innerhalb Englands geben: Kent werde zum polizeilich überwachten Sondersektor, an der Front zur EU.

Besorgnis im "Garten von England" haben unterdessen auch andere Notstandspläne ausgelöst, mit denen Johnson und Gove mögliche Mammutstaus vermeiden wollen. Sollte der Rückstau gefährliche Ausmaße annehmen und andere Straßen und Städte - wie die alte Kathedralenstadt Canterbury - blockieren, sollen Lastwägen von London aus entlang der Nordküste Kents zu einem abgelegenen Gelände dirigiert werden. Dort müssten die Fahrer gegebenenfalls ein paar Tage pausieren, bis sie grünes Licht zur Weiterfahrt ins 30 Kilometer entfernte Dover erhalten, auf ihrem Weg zum Kontinent.

Schon in den letzten Jahren, als immer wieder ein Scheitern der Verhandlungen mit der EU drohte, hatte die Regierung dieses Gelände in Reserve gehalten. Ende voriger Woche hat sie den Pachtvertrag für das "Lkw-Auffanglager" verlängert, zunächst einmal auf sechs Monate. Bei dem Gelände handelt es sich um einen ausgedienten Provinz-Flughafen, den Flughafen von Manston.

Anti-EU-Haltung in Dover

Seit sechs Jahren hat sich hier nichts mehr getan. Die Eingangsportale des Flughafengebäudes sind fest verschlossen. Die Parkplätze, auf denen einmal Fluggäste ihre Wagen abstellten, sind leer und verlassen. Statt Passagieren tapst ein Schwarm just gelandeter hungriger Möwen ums Gebäude herum. Noch ist auch der Zugang zu den Start- und Landebahnen auf der anderen Straßenseite verrammelt. Ein Wachmann, der aus seinem Häuschen ans Tor kommt, darf sich "leider nicht äußern" zu dem, was geplant ist.

Dabei markiert ein Schild mit einem Lastwagen und dem Wort "Dover" klar sichtbar die Einfahrt zum Gelände. Drinnen hat man rot-weiße Warnhütchen aufzustellen begonnen, um einem möglichen Strom von Lastwägen den Weg zu den Stellplätzen zu weisen. 4.000 Lkws, notfalls auch mehr, soll der Platz aufnehmen können. "Unzumutbar" sei so etwas schon mal für die Fahrer, die sich hier für die Dauer ihres unfreiwilligen Zwischenstopps einschließen lassen müssten, warnen Kommunalpolitiker. Sollte es zum Beispiel einen Covid-Ausbruch im "Brexit Lorry Park" von Manston geben, wäre Hilfe kaum möglich, haben sie erklärt.

Vor allem fürchten die Ortsansässigen aber, dass ein endloser Zug von Lastwägen auf der teils einspurigen Fahrbahn von Manston nach Dover ihnen das Leben zur Hölle machen würde. Krankenwägen kämen dann nicht mehr durch, Schulwege wären versperrt und der Weg zur Arbeit und zum Einkaufen mit dem Auto würde unmöglich. Die für Manston zuständigen Bezirksräte seien "nie für diese Art von Nutzung des Flughafens" gewesen, schimpft der Ratsvorsitzende Rick Everitt. Die Heimlichtuerei der Regierung habe jede Planung auf Bezirksebene verhindert. "Unter die Räder" drohe man in dieser Situation zu kommen.

Auch in Dover - das 2016 immerhin zu 62 Prozent für den Brexit stimmte - fürchtet man die Folgen des "harten Brexit", der nun so oder so kommt, mit oder ohne Deal. Passanten auf Dovers zentraler Biggin Street, die sich ins Gespräch ziehen lassen, bereuen entweder, dass es so weit gekommen ist, oder stellen sich trotzig und glauben, dass das "schon ins Lot kommt" oder "gar nicht so schlimm" sein wird. Ausgerechnet in der Hafenstadt, die die wichtigste Fährverbindung zum Kontinent bildet, sind die antieuropäischen Instinkte stark geblieben. Nicht weit von Folkestone erinnert das Denkmal zur "Battle of Britain" an heldenhafte Luftschlachten über Kent, mit denen man sich den Feind vor achtzig Jahren vom Hals hielt. Nun wächst die Angst, dass Lastwagen-Fahrer aller Länder den "Garten von England" zugrunde richten könnten. Schon jetzt, nach den ersten Staus, mehren sich Berichte, dass auf Parkplätzen und an Straßenrändern Urin-gefüllte Flaschen und Plastikbeutel mit Exkrementen gefunden werden. Im Zuge ihrer Eilmaßnahmen hat die Regierung die Aufstellung mobiler Klos versprochen.

Eine Anti-Brexit-Protestgruppe unter der Leitung des Geschäftsmanns Peter Cook hat zu Wochenbeginn die traditionellen Schilder, die Besucher Kents auf Zufahrtsstraßen zum "Garten von England" willkommen heißen, mit Aufklebern ironisch verändert. "Willkommen in Kent, der Toilette von England" heißt es dort nun. "Das wird doch alles nur noch viel schlimmer werden", warnt Cooks Gruppe nachdrücklich. "Die Leute hier haben schon jetzt die Nase voll."

Riesige Zollstelle in Bau

Typisch für das Dilemma, in dem sich Englands Südosten so kurz vorm endgültigen Brexit findet, ist ein winziger ländlicher Flecken nahe der M20, der London-Dover-Achse, gleich hinter der Stadt Ashford. In der Nachbarschaft der 900 Jahre alten Kirche von Sevington mit ihren verwitterten Grabsteinen und den friedlich grasenden Pferden hinterm Zaun liegt eine Reihe kleiner, fast vergessener Farmen. Hier und da ist am Eingang zum Garten der Union Jack aufgezogen. Oder die Fahne Englands mit dem Sankt-Georgs-Kreuz. Dies war immer Brexit-Land. Hier wollte man sich bewahren, was man für England hielt. Wollte die Idylle, um die es einem ging, schützen.

Unmittelbar hinter den Farmhäusern und der Kirche aber wird jetzt, zum Entsetzen der Anwohner, ein riesiges Areal umgegraben, das der Staat erst diesen Sommer, ohne Vorwarnung, requiriert hat. Dort entsteht eine gigantische neue Zollstelle, die ihrerseits tausende von Lastwägen auf unbegrenzte Zeit aufnehmen soll. Kräne, mächtige Bagger, Arbeiter in gelber Schutzkleidung sind auf dem Gelände im Einsatz. Schuttlaster rumpeln, Anweisungen sind weithin zu hören. Die ersten Mammut-Hallen, in denen die Abfertigung stattfinden soll, zeichnen sich ab. Mitte nächsten Jahres soll das Ganze fertig sein.

Bis dahin will London Lastwägen aus der Union ohne größere Kontrollen ins Land lassen, um Chaos wenigstens in einer Richtung zu vermeiden. Noch in letzter Minute sollen auch Extra-Abstellplätze in anderen Landesteilen geschaffen und weitere Fährhäfen, als Alternativen zu Dover, ausgebaut werden. Ob man so die Lage zum Jahresanfang meistern wird, weiß freilich niemand. Kent wird jedenfalls die erste Grafschaft sein, die den Brexit zu spüren bekommt.