Vor mehr als vier Jahren haben die Briten mehrheitlich für den Austritt aus der EU gestimmt. Jetzt befinden sich die Brexit-Verhandlungen in einer entscheidenden Phase, vieles deutet darauf hin, dass London und Brüssel zu Beginn des neuen Jahres ohne Handelsvertrag dastehen. Ökonomen sind sich einig, dass das vor allem für die britische Wirtschaft ein Desaster wäre.

Stellt sich die Frage, wie die Bevölkerung auf der dem Kontinent vorgelagerten Insel über den Brexit denkt. Bereut man hier die Entscheidung, die man vor vier Jahren getroffen hat? Die Antwort lautet ganz klar "Nein", so der Politik-Professor und Meinungsforscher Roger Mortimore. Seit dem Referendum von 2016 hätten nur wenige ihre grundsätzliche Einstellung zum EU-Austritt verändert. "Die Meinungen haben sich nur verhärtet."

Britische Regierung wird sich rechtfertigen müssen

Prinzipiell ist der Brexit für die Briten nach der Corona-Krise das zweitwichtigste Polit-Thema - auch wenn es zeitweise kaum mediale Berichterstattung gab. Das hat das Meinungsforschungsinstitut Ipsos Mori erhoben. Demnach sind viele andere Dinge, die die Menschen normalerweise beschäftigten - wie etwa die Kriminalität im Land -, in den Hintergrund getreten.

Das bedeutet für Mortimore aber auch, dass sich die britische Regierung nicht hinter der Pandemie "verstecken" können wird, sondern dafür einstehen muss, "was sie in Sachen Brexit erreicht hat". Was dann für die nächste Wahl wichtig werde.

Fast alle Menschen, die vor vier Jahren für einen Austritt aus der EU eingetreten seien, unterstützen den Brexit weiterhin: "Sie verfolgen die Verhandlungen und machen die EU und nicht die britische Regierung dafür verantwortlich, dass die Gespräche nirgendwo hinführen", so Mortimore. Wenn die Regierung unter Premier Boris Johnson ihre Karten gut spiele, verfüge sie noch immer über "eine solide politische Unterstützung für das, was sie tut".

Trotzdem geht der Politologe davon aus, dass es derzeit eine Mehrheit gegen den Brexit geben dürfte. Die Unterstützung für den EU-Austritt in Umfragen hänge aber auch davon ab, welche Frage man genau stelle, so der Experte. "In den Befragungen, die ich gesehen habe, ist das ‚Remain‘-Lager vorne, aber nur knapp, mit etwa 53 zu 47 Prozent, was fast genau dem entspricht, was die Umfragen am Tag des Referendums gesagt haben. Es könnte sein, dass unter den 53 Prozent viele sind, die letztlich nicht zu einer Abstimmung gehen würden, während die 47 Prozent motivierter sein könnten abzustimmen."

Wenn man die Frage etwas anders stelle und von den Menschen wissen wolle, was aus ihrer Sicht der ideale Ausgang der aktuellen Lage wäre - "ob sie einen Deal wollen, ob sie keinen Deal wollen oder ob sie der EU wieder beitreten wollen" -, dann sprächen sich viele "Remainer" nicht dafür aus, den Brexit zu canceln. "Nur ungefähr die Hälfte von ihnen würde den Brexit zurücknehmen, wenn sie könnte. Der Rest - wahrscheinlich, weil sie das demokratische Votum respektieren wollen - würde lieber das Beste aus der Entscheidung machen und einen weichen Brexit haben wollen, als der EU wieder beizutreten. Wir wissen im Grunde nicht, was passieren würde, wenn es ein zweites Referendum gäbe, aber es sieht immer noch so aus, als wäre es knapp."

Wenn die Gespräche zwischen der EU und London über einen Handelspakt scheitern sollten, dürfte dies nach Einschätzung Mortimores Johnson zumindest kurzfristig politisch nicht allzu teuer zu stehen kommen. Denn der Premier verfüge eben immer noch über eine solide Unterstützung. Aber: "Nicht besonders viele Leute wollen ohne einen Deal ausscheiden. Im Idealfall hätten sie gerne irgendeine Art von Deal." Ein bedeutender Teil der Briten wolle allerdings nur dann ein Abkommen, wenn Großbritannien dafür keine großen Zugeständnisse machen muss.

Wirtschaftliche Argumente zählen nicht

Es helfe nichts, so Mortimore, wenn die die EU meine, wirtschaftliche Argumente würden Brexit-Anhänger dazu bringen, ihre Meinung zu ändern. "Sehr wenige Menschen, die für den Brexit gestimmt haben, haben geglaubt, dass das wirtschaftlich sehr viel bringen wird. Viele haben hingenommen, dass es vielleicht wirtschaftlich schmerzen wird, wollten es aber trotzdem."

In ähnlicher Weise könnten Brexit-Befürworter jene nicht verstehen, die für einen Verbleib in der EU gestimmt haben. "Sie erkennen nicht, dass es eine rationale Entscheidung war und etwas, das sie als gut für sich und für das Land betrachteten." Deshalb vermuteten viele "Leaver" auch unlautere Motive bei den EU-Befürwortern.(apa/red.)