Beide Seiten wissen, was auf dem Spiel steht, damit das Chaos nicht völlig ausbricht. Am Mittwoch machte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Fortschritte in den Verhandlungen um die künftigen Handelsbeziehungen mit Großbritannien aus. Scheitern diese, drohen mit Jahreswechsel höhere Zölle auf viele Produkte sowie lange Wartezeiten an der Grenze. Nach dem Austritt aus der EU am 1. Februar würde sich Großbritannien noch weiter von der Union entfernen.

Nähe und Distanz kennzeichnen auch die wechselvolle Beziehung seit dem Zweiten Weltkrieg. Nichts weniger als "eine Art Vereinigter Staaten von Europa" entwarf Winston Churchill 1946. Nur so könnten die Hunderten Millionen Europäer "einfache Freuden und Hoffnungen, die das Leben lebenswert machen", wiedererlangen. Als Kern dieser "USE" mit "föderalem System", einer geringeren Bedeutung der Einzelstaaten und einer gleichen Bedeutung großer und kleiner Staaten betrachtete Churchill eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland, wobei Frankreich die "moralische und kulturelle Führung" innehaben sollte.

Großbritannien inkludierte Churchill nicht: "Wir Briten haben unseren eigenen Commonwealth of Nations." Der lose Zusammenschluss mit früheren Kolonien trat in jenen Tagen an die Stelle des mehr und mehr zerbrechenden Empire. Dem Commonwealth und der speziellen Partnerschaft mit den USA räumte London zunächst klare Priorität ein.

Zwei Mal abgelehnt

Ausgerechnet ein Parteikollege und nachfolgender Premier Churchills wollte das Vereinigte Königreich in die 1957 von Frankreich, Deutschland, den Benelux-Ländern und Italien gegründete Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) bringen. Harold Macmillan stellte 1961 einen Beitrittsantrag, obwohl im Jahr davor die Efta (Europäische Freihandelsassoziation) als Konkurrenzprojekt unter Führung Großbritanniens und mit Österreich sowie weiteren neutralen Staaten an Bord aus der Taufe gehoben worden war. Macmillan machte damals deutlich, dass es nicht weiter konkretisierte "politische und wirtschaftliche Gründe" für einen EWG-Beitritt gebe.

Während Großbritannien in dieser Phase die Nähe zu den Gemeinschafts-Staaten suchte, bekam es auf insgesamt zwei Beitrittsgesuche - eines von Macmillan, ein zweites von seinem Labour-Nachfolger Harold Wilson - zwei Mal von dorther ein Nein. Es war Frankreich, das sich im Gegensatz zu seinen kompromissbereiten Partnern einer Aufnahme Großbritanniens in den 1960er-Jahren widersetzte. Staatspräsident Charles De Gaulle führte große Unterschiede in Wirtschaft und Landwirtschaft zwischen dem Vereinigten Königreich und den EG-Staaten ins Treffen.

Es gab für ihn aber auch handfeste politische Gründe: Angesichts des engen Verhältnisses Londons zu Washington wollte De Gaulle eine "kolossale Atlantische Gemeinschaft in amerikanischer Abhängigkeit und unter amerikanischer Führung, welche die Europäische Gemeinschaft bald absorbiert hätte", verhindern. Das sei keine ganz Europa-eigene Konstruktion, wie sie Frankreich wolle, daher erteilte er Großbritannien eine Absage.

Zum EWG-Beitritt Großbritanniens war der Weg erst frei, als De Gaulle abgetreten und bereits tot war. Mit Edward Heath war es wieder ein Konservativer, der anders als Churchill die Briten als Teil des europäischen Einigungsprozesses sah. Die britische Commonwealth-Zugehörigkeit war für Heath kein Hindernis, sondern eine Bereicherung.

Wie geteilt die britischen Großparteien, Konservative und Labour, in der Europapolitik waren, zeigte das Referendum von 1975, bei dem die Briten klar für den Verbleib stimmten. Wieder an der Macht, hatte Labour-Premier Wilson den Beitrittsvertrag zugunsten Großbritanniens nachverhandelt und ließ sich den Erfolg vom Volk bestätigen. Der linke Flügel seiner Partei war dabei traditionell europakritisch und gegen Wilsons Linie.

Gespalten waren auch die Konservativen: "Die Gemeinschaft gibt uns Frieden und Sicherheit in einer freien Gesellschaft. Die Gemeinschaft gibt uns Zugang zu sicheren Nahrungsmittelquellen. Die Gemeinschaft betreibt mehr Handel und gibt uns mehr Unterstützung als jede andere Gruppe in der Welt. Die Gemeinschaft gibt uns die Möglichkeit, den Commonwealth in Europa zu repräsentieren", war Margaret Thatcher als Oppositionsführerin beim Referendum Mitte der 70er-Jahre für ein Ja.

Thatchers Kehrtwende

Als Premierministerin distanzierte sich Thatcher mehr und mehr von der zunehmenden europäischen Integration auf politischer Ebene und vom geplanten Euro. 1988 betonte sie ihre Sicht von Europa als "Zusammenarbeit unabhängiger souveräner Staaten. Den Bogen zu Churchill schlagend und ihm gleichzeitig widersprechend, sagte sie: "Einige der Gründungsväter der Gemeinschaft dachten, dass die Vereinigten Staaten von Amerika ihr Vorbild sein könnten. Dabei hat doch Amerika eine ganz andere Geschichte im Vergleich zu Europa."

Die Divergenzen in der eigenen Partei wurden zwei Jahre später ein gewichtiger Grund, warum Thatcher nach elf Jahren als Regierungschefin die Unterstützung ihres eigenen Kabinetts und ihr Amt verlor. Auch ihrem Nachfolger John Major gelang es nicht, Geschlossenheit in den eigenen Reihen herzustellen. Bei der Umwandlung der EG in die EU durch den Vertrag von Maastricht Anfang der 1990er Jahre wandelte seine Regierung am Rande des Aus, obwohl Major etliche weitere Sonderregelungen für die Briten in der EU durchsetzen konnte.

Auch der nächste konservative Premier, David Cameron, biss sich bei der eigenen Fraktion die Zähne aus. Er verlor 2016 das Brexit-Referendum, das er auch zwecks Herstellung von Einigkeit angestrebt hatte. Bei der Abwicklung des Brexit hatten dann noch Theresa May und Boris Johnson als Regierungschefs ihre liebe Not. Weil unter den Tory-Abgeordneten ganz verschiedene Ansichten hinsichtlich des Verhältnisses Großbritanniens zur EU herrschten, bröckelte die Unterhaus-Fraktion und beide Premiers scheiterten etliche Male bei Abstimmungen, ehe Johnson nach seinem Wahlsieg Ende 2019 den Brexit durchziehen konnte.(apa)