Eigentlich hatten sie es schon geschafft. Die Küste der spanischen Ferieninsel Lanzarote war wortwörtlich zum Greifen nah. Dann erfasste eine Welle das kleine Holzboot. In der Dunkelheit konnten die afrikanischen Flüchtlinge die nahen Felsen jedoch nicht rechtzeitig sehen. Das Boot kenterte ganz in der Nähe des Fischerdorfs Orzola an den spitzen Vulkanfelsen.

"Die Hilfeschreie gingen bis ins Mark. Ich lief sofort zum Meer", berichtet Ignacio Fontes, ein junger Fischer. Acht Dorfbewohner suchten mit den Taschenlampen ihrer Handys nach Überlebenden. "Wir überlegten nicht lange. Einige von uns sprangen ins Wasser, die anderen halfen den Menschen heraus", erklärt der Fischer. Es war aber so dunkel, dass sie die Menschen nur nach den Hilfeschreien orten konnten, von denen nach und nach immer mehr verstummten.

28 junge Männer konnten gerettet werden. Acht Bootsflüchtlinge ertranken bei dem Unglück im November. Dabei war das Wasser direkt vor der Felsenküste nicht einmal tief. "Nach der tagelangen Überfahrt sind die Menschen teilweise aber so entkräftet, dass selbst diejenigen, die schwimmen können, sogar in Strandnähe in ein Meter tiefem Wasser ertrinken", erklärt Notfall-Sanitäterin Jenice Schwob, die auf Lanzarote für die Flüchtlingshilfsorganisation Lifeline arbeitet, der "Wiener Zeitung".

Tatsächlich gehört die Route über den Atlantik zu den gefährlichsten nach Europa. Die Flüchtlingsagentur der Vereinten Nationen ACNUR schätzt, dass in diesem Jahr mindestens 600 Flüchtlinge beim Versuch gestorben sind, die Kanaren und damit Europa zu erreichen. Andere Organisationen gehen von über 3.000 aus. Die realen Zahlen kennt niemand. Laut der Internationalen Organisation für Migration IOM stirbt auf der Atlantikroute schätzungsweise jeder 16. Flüchtling. Zum Vergleich: Im östlichen Mittelmeer auf dem Weg nach Griechenland kommt einer von 120 Bootsflüchtlingen um.

Ankunft von Geflüchteten auf Gran Canaria. - © APAweb / AFP / Desiree Martin
Ankunft von Geflüchteten auf Gran Canaria. - © APAweb / AFP / Desiree Martin

Da die Mittelmeerrouten derzeit zu gut überwacht sind und die Corona-Pandemie die Armut in vielen afrikanischen Ländern verschlimmert hat, reißt der Flüchtlingsstrom auf die Kanaren nicht ab. Kamen dort 2019 rund 2.700 Personen an, waren es heuer bereits fast 20.000 Menschen.

Schlepper setzen die Boote irgendwo im Meer aus

Die große Entfernung ist einer der Gründe, warum die Atlantikroute so gefährlich ist. Die meisten Boote starten in Marokko. Von hier sind es nur knapp über hundert Kilometer bis zu den Kanaren. Da Marokko aber seine Küstengewässer nach millionenschweren EU-Überweisungen schärfer überwacht, organisieren die Schlepper die Überfahrten immer weiter im Süden des Landes.

Um sich die beschwerliche Fahrt durch die Wüste bis nach Marokko zu ersparen, bevorzugen viele Senegalesen und Mauretanier sogar direkt von ihren eigenen Ländern oder von Mali aus in See zu stechen. Bis zu 16 Tage kann die Überfahrt dauern. 1.600 Kilometer trennen den Senegal und die Kanaren. Viele Flüchtlinge verdursten auf dem Weg oder ertrinken, weil ihre Boote kentern.

Schlepperbanden ziehen die überfüllten Holzboote an der Küste Westafrikas aufs offene Meer hinaus, bis sie die Passatwinde erreichen. Dann werden die Leinen gekappt und die Boote ihrem Glück überlassen. Einige haben kleine Außenbordmotoren. Aber längst nicht alle.

Die vielleicht größte Gefahr: "Wenn sich die Winde und Strömungen ändern und unsere Seenotrettung sie nicht entdeckt, treiben die Boote hilflos an den Kanaren vorbei auf den weiten Atlantik. Das ist der sichere Tod. Die Menschen verhungern, verdursten oder ertrinken. Vor der Küste Kubas und Miamis wurden bereits senegalesische Boote mit mumifizierten Leichen angespült", erklärt Jose Antonio Rodriguez, Notfall-Einsatzleiter des Roten Kreuzes auf den Kanaren.

Doch die wenigsten Bootsflüchtlinge wissen von diesen Gefahren. "Uns wurde gesagt, dass wir in maximal zwei Tagen auf Gran Canaria sind. Fünf Liter Wasser und zwei belegte Brote hatte ich dabei", versichert der 23-jährige Senegalese Daouda. Zwölf Tage dauerte die Überfahrt schließlich. Auf seinem Handy zeigt er Videos von ihr.

Zunächst sieht man noch lachende Gesichter. Doch je länger die Odyssee dauerte, desto angespannter wurde die Lage. Das Boot war so voll und wacklig, dass die Insassen nicht einmal aufstehen konnten, um ihre Notdurft ins Meer zu verrichten. Fünf seiner 50 Landsleute, die mit ihm in See stachen, starben. Einige verdursteten. Andere erkrankten, weil sie Meerwasser tranken. "Wir beteten für sie und warfen sie dann über Bord. Es war der reine Horror", sagt Daouda.

Der Senegalese Daouda zeigt Bilder von seiner Überfahrt. - © M. Meyer
Der Senegalese Daouda zeigt Bilder von seiner Überfahrt. - © M. Meyer

Bereits vor über fünf Monaten landete er auf Gran Canaria. Jeden Tag geht er in den Stadtpark von Maspalomas, um in der Nähe der bekannten Sanddünen. "Hier gibt es keine Arbeit, keine Schule. Ich mache nichts außer essen, schlafen und Sport", erzählt er. An seinem Handgelenk trägt er ein blaues Bändchen eines All-inclusive-Hotels, in welchem er und weitere 6.000 illegale Migranten derzeit untergebracht sind.

Wie viele tausende afrikanische Flüchtlinge auf den Kanarischen Inseln wartet Daouda sehnsüchtig auf Papiere, die ihm die Weiterreise aufs europäische Festland erlauben. Wie er wollen die meisten nach Frankreich oder Belgien, wo sie häufig Familienangehörige oder Bekannte haben und hoffen, dort schnell einen Job zu finden.

Spaniens Regierung fürchtet einen Sogeffekt

Nach Protesten der kanarischen Inselregierung holte Madrid zwar einige hundert Migranten aufs Festland. Doch weigert sich die spanische Zentralregierung, massenhaft Flüchtlinge aufs Festland zu fliegen. Madrid befürchtet einen Sogeffekt. Antonio Morales, Regierungschef von Gran Canaria, sieht dahinter eine Strategie: "Die Kanaren sollen zu Gefängnisinsel wie Lesbos werden, damit die Migranten nicht mehr kommen."

Tausende erreichen die als "Insel der Glücklichen" bekannten Kanaren jedoch niemals. Ihre Träume von einer Zukunft in Europa versinken mit ihnen im Atlantik.