Die Europäische Union erhöht in den stockenden Brexit-Verhandlungen den Druck. "Es ist die Stunde der Wahrheit", sagte EU-Chefunterhändler Michel Barnier am Freitag in Brüssel. "Wir haben nur noch sehr wenig Zeit." Es blieben noch "einige Stunden", um wie geplant zum Jahresanfang klare Regelungen zu haben. Es gebe eine Chance, sich zu verständigen. "Der Pfad zu so einer Einigung ist aber sehr schmal."

Bei den Gesprächen haben sich beide Seiten zuletzt  pessimistisch gezeigt. Nach einem Telefonat mit dem britischen Premierminister Boris Johnson sprach EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen von "großen Differenzen", die zu überwinden eine schwere Herausforderung sei.

Johnson erklärte bei der Unterredung seinem Sprecher zufolge, die EU müsse ihre Haltung "substanziell" ändern, um noch zu einer Verständigung zu kommen. Ansonsten sei es "sehr wahrscheinlich", dass es keine Übereinkunft geben werde. Das Pfund gab zum Dollar nach den Mitteilungen nach. Die Gespräche sollen am Freitag fortgesetzt werden.

Zuvor hatte sich EU-Verhandlungsführer Michel Barnier etwas optimistischer gezeigt. Nach Angaben aus dem EU-Parlament hielt er sogar einen Abschluss der Beratungen bis Ende der Woche für "schwierig, aber möglich". EU-Diplomaten stellten dies allerdings in Frage.

EU-Parlament nennt Frist

Das EU-Parlament begrüßte jedenfalls die Bemühungen, ein "No Deal"-Szenario zu verhindern. Dieses hätte "enorme negative Auswirkungen" auf Bürger und Unternehmen, hieß es in einer Erklärung der Fraktionsvorsitzenden. Anders als von einzelnen Abgeordneten zuvor gefordert, wurde aber kein hartes Ultimatum für die Verhandlungen bis Sonntag gesetzt. In der Erklärung hieß es lediglich, die Volksvertretung sei bereit, eine außerordentliche Plenarsitzung Ende Dezember anzusetzen, falls "eine Vereinbarung bis Sonntag, 20. Dezember, um Mitternacht erreicht wird".

In London wies Staatsminister Michael Gove darauf hin, dass auch das britische Parlament Zeit brauche, um ein Abkommen gutzuheißen. Die Knackpunkte in den Verhandlungen mit der EU bleiben unverändert: Unter anderem geht es um Wettbewerbsbedingungen für Unternehmen und Fangrechte für EU-Fischer in britischen Gewässern.

Am 31. Dezember endet die Übergangsphase, in der das Königreich noch EU-Regeln anwenden muss. Danach droht ohne ein Handelsabkommen Chaos. Experten rechnen dann mit höheren Zöllen auf viele Produkte sowie langen Wartezeiten an der Grenze. (reu/afp)