Auch Stunden können eine relative Größe sein. Bei den Handelsgesprächen zwischen der EU und Großbritannien erweist sich der Zeitfaktor als dehnbar - auch wenn die Zeit bis zum Auslaufen der Übergangsfrist mit Jahresende immer knapper wird. Während EU-Chefverhandler Michel Barnier am Freitagvormittag von "einigen Stunden" sprach, die noch verbleiben, um eine klare Regelung des künftigen Verhältnisses zu erzielen, wurde am Nachmittag deutlich, dass sich dies verschieben würde. Denn nach britischen Medienberichten planen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Premierminister Boris Johnson für das Wochenende die nächste Unterredung.

Die EU erhöhte jedenfalls den Druck. Es sei der "Moment der Wahrheit", befand Barnier im EU-Parlament. In Großbritannien spielte Johnson den Ball zurück: Brüssel sei nun am Zug.

Er appellierte an die Union, "zur Vernunft" zu kommen und einen Vorschlag auf den Verhandlungstisch zu legen. Zwar räumte der Premier ein, dass es im Falle eines Scheiterns der Gespräche kurzfristig zu Schwierigkeiten auf der Insel kommen könnte. Doch werde das Land bald florieren.

Tauziehen um Fangrechte

Dieses Versprechen von der neuen Größe des Königreichs, von der Rückeroberung aller Hoheitsrechte zu Lande und zu See, steckte denn auch hinter dem Schlachtruf, mit dem die Brexiteers in den Kampf für die Loslösung von der Europäischen Union gezogen waren. "Die Kontrolle zurückgewinnen", weg von EU-Vorgaben, war das Motto der treibenden Kräfte für den Austritt Großbritanniens aus der Gemeinschaft. Doch als dieser vollzogen war, war der Ruf nach völliger Souveränität keineswegs verhallt. Vielmehr klang er bei den Verhandlungen um ein Handelsabkommen ständig durch.

Auch deswegen schleppten sich die Gespräche bis ins Wochenende hinein, nachdem in den vergangenen Wochen und Monaten eine Frist nach der anderen verstrichen war. Symbolkraft hat da das Tauziehen um Fangrechte im Nordostatlantik.

Denn wirtschaftliche Argumente verfangen dabei kaum: Der Fischfang macht gerade einmal 0,03 bis 0,04 Prozent der britischen Wirtschaftsleistung aus. Die Flottengröße liegt bei rund 6.000 Schiffen. In Frankreich, dessen Fischer die britischen Gewässer stark nutzen, ist das Verhältnis ähnlich. Doch hängen zehntausende Jobs auf beiden Seiten des Kanals von der Branche ab, die noch dazu für einzelne Gegenden - wie etwa Schottland - essenziell ist.

So wurde zum Schluss der Handelsgespräche die Frage nach dem Zugang für europäische Boote zu den reichen Fischgründen, die in der 200-Meilen-Zone um die britische Küste liegen, zu einem der kniffligsten Streitpunkte. Großbritannien pochte darauf, künftig selbst darüber entscheiden zu dürfen, wer wie viel Fisch aus seinen Gewässern entnehmen kann. Es will damit nicht zuletzt den Anteil der heimischen Industrie erheblich erhöhen.

Nach den Vorstellungen der Regierung in London sollte über den Zugang nicht-britischer Fischer auf jährlicher Basis entschieden werden. Die EU hält dem mangelnde Planungssicherheit für die Branche entgegen. Wofür die britische Seite ebenfalls eine Erwiderung parat hat: Ohne Handelsabkommen würde es ab 1. Jänner gar keinen Zugang für EU-Boote geben.

Neue Hemmnisse sind allerdings auch nicht im britischen Interesse. Denn ein Großteil des Fangs ist für den europäischen Markt bestimmt. Sollten Zölle eingeführt werden, könnte es sein, dass die britischen Fischer auf ihrer Ware sitzen bleiben.

Vorläufiger Vertrag?

Noch wird aber weiterverhandelt - und das könnte sogar auch dann der Fall sein, wenn die letzte Frist verstrichen ist, die das EU-Parlament für eine Ratifizierung des Abkommens vor Jahresende braucht. Nach Angaben aus dem Abgeordnetenhaus gäbe es dann unterschiedliche, zumindest denkbare, Varianten. Entweder es wird weiter beraten und ein Durchbruch noch im Dezember erreicht - der Vertrag könnte vorläufig, also zunächst ohne Ratifizierung, in Kraft treten. Oder es wird eine Frist von einigen Wochen vereinbart, in der der Status quo auch nach dem 1. Jänner gilt. Dem müsste freilich London zustimmen, das eine Verlängerung der Übergangsfrist bereits abgelehnt hatte.(czar/dpa/reu)