Die Wege nach Europa sind vorläufig dicht. Und die nach Schottland, wenn man aus England kommt. Schwerlaster-Staus auf den Straßen nach Dover. Chaos in den englischen Häfen. Wachsende Sorge um frische Nahrungsmittel überall. In London wiederum keine Erlaubnis, die Stadt zu verlassen. Die Polizei beauftragt, einen möglichen Exodus zu stoppen. Und das im Bewusstsein, dass eine neuartige Form des Corona-Gräuels sich im ganzen englischen Südosten und in Teilen Nordirlands schnell ausbreitet, von der man schlicht nicht weiß, wie man sie in den Griff bekommen soll.

Weihnachten 2020: Großbritannien steuert in eine schwere Krise - und das noch, bevor überhaupt eine Entscheidung über Deal oder No Deal beim Brexit gefällt worden ist. Nach drei Tagen hektischer Zusammenkünfte und unerwarteter Mitteilungen trat am Montag in Downing Street die britische Regierung unter Premierminister Boris Johnson erneut zu einer Notstands-Sitzung zusammen. In Johnsons eigener Partei wird derweil immer offener gefragt, ob der Regierungschef dieser Krise überhaupt gewachsen sei.

Nach einem Telefonat mit dem französischen Präsident Emmanuel Macron hofft der britische Premier auf eine rasche Wiederaufnahme des Warenverkehrs mit dem Festland. Er sei hoffnungsvoll, dass das Problem "in den nächsten Stunden" gelöst werden könne, sagte Johnson am Montag. "Wir wollen das Problem so schnell wie möglich lösen." Es müsse sichergestellt werden, dass Lastwagen in beide Richtungen "covid-frei" fahren könnten.

Johnson versuchte, die Bevölkerung zu beruhigen. "Die große Mehrheit von Lebensmitteln, Medikamenten und Versorgungsgütern erreichen uns wie immer", sagte Johnson. Über den seit Sonntagabend geschlossenen Hafen Dover am Ärmelkanal würden nur 20 Prozent der Güter gehandelt und beträfen nur Waren, die von Menschen begleitet werden, also Lastwagen. Der Lkw-Stau sei zudem bereits deutlich reduziert worden, betonte Johnson.

Bahnhöfe gestürmt

Als am Samstagabend Millionen Briten in und um London herum erfuhren, dass noch in derselben Nacht scharfe neue Restriktionen eingeführt würden und Weihnachten ausfallen müsse, stürmten Tausende in die Bahnhöfe, um in die Provinz zu fliehen. Und als tags darauf ein europäischer Staat nach dem andern die Grenzen für Reisende aus Großbritannien schloss, schockiert von Informationen über die "neue Variante" des Virus, drängte eine zweite Welle zu den Flughäfen, zum Eurostar Bahnhof St Pancras oder zu den Fähren Richtung Irland, um noch schnell "nach Europa" zu kommen, bevor der Verkehr eingestellt auf unbestimmte Zeit wird.

Richtiggehend "überrascht" wurde die Regierung nach den Worten von Verkehrsminister Grant Shapps von der Nachricht, dass Frankreich auch den Frachtverkehr aus Großbritannien einstellen würde, soweit Lkw-Fahrer diese Frachten beförderten. Als Shapps das gestern sagte, bildeten sich bereits kilometerlange Schlangen auf den Hauptverkehrsadern zum Ärmelkanal.

Die Autobahn nach Dover, die M20, füllte sich schnell mit schweren Fahrzeugen. Auf Kents stillgelegtem "International Airport" in Manston, der eigentlich Brexit-No-Deal-"Auffangkapazität" bieten sollte, bereitete man alles zur Aufnahme von 4.000 Lastern vor. Viele Lkw auf dem Weg zur Küste wurden von der Polizei zu ihren Herkunftsorten zurückgeschickt. Einige kreisten stundenlang orientierungslos in Kent durch die Lande. Fahrer, die frischen Fisch nach Europa befördern sollten, wussten nicht, ob sie ihre Märkte mit ihrer Fracht noch rechtzeitig erreichen würden. Ein kontinentaler Fahrer nach dem anderen fragte sich, "ob ich zu Weihnachten überhaupt zuhause sein kann".

Britische Supermärkte suchten ihre Kundschaft derweil nach Kräften zu beruhigen und von Hamsterkäufen abzuhalten. Vorräte für diese Weihnachtswoche seien ja fürs Erste vorhanden, erklärten sie. Nach Weihnachten könne es dann freilich "an einigem fehlen", warnte die Kette Sainsburys. Keinen Grund zur Beunruhigung sah Verkehrsminister Shapps: Ähnliches habe es "früher immer wieder gegeben", zum Beispiel in Zusammenhang mit Streiks an den Grenzen, sagte Shapps.

Im Grenzgebiet selbst sah man das anders. So etwas hätten sie "noch nie erlebt", meinten viele Anwohner der Küstenregion. Eilig versprach der Minister, der Nachschub an Impfstoff aus Belgien sei auf jeden Fall gesichert. Millionen BioNTech/Pfizer-Dosen würden in Containern herbeigeschafft, auf sicheren Wegen. Jüngst hatte man schon gemeldet, dass für Notfälle Flugzeuge der Royal Air Force bereit stünden, um diesen Transport zu garantieren.

Mit Erleichterung reagierten Shapps und seine Landsleute am Montag auf die Nachricht auf, dass die EU sich um eine Lösung bemühen wolle, die es erlauben würde, den Frachtverkehr wieder in Gang zu setzen - während zugleich gemeldet wurde, dass nun auch die USA und andere Länder den Flugverkehr mit Großbritannien einstellen wollten.

Mutation "außer Kontrolle"

Ausgelöst hatten die Kette der jüngsten Ereignisse Premier Johnson und sein Gesundheitsminister Matt Hancock mit ihrer Erklärung vom Samstag, dass die in Kent entdeckte "neue Variante" des Covid-19-Virus sich offenbar rasend schnell ausbreitete. Dass sie bereits für 62 Prozent der Covid-Fälle im Großraum London verantwortlich und, wie Minister Hancock erklärte, leider "außer Kontrolle" geraten sei. Später sollte man erfahren, dass diese "neue Variante" die "R"-Zahl - die Reproduktionsziffer - um bis zu 0,9 erhöhen könne, so ansteckend sei diese neue Viren-Form.

Seither ist auch unter britischen Wissenschaftern ein Streit darüber entbrannt, ob diese Variante tatsächlich an der schnellen Ausbreitung im englischen Südosten schuld war, oder ob zu dieser Ausbreitung andere Faktoren, nicht zuletzt Versäumnisse der Regierung, beigetragen haben könnten. Fest steht jedenfalls, dass die Zahl der neuen Infektionen im ganzen Land auf über 35.000 pro Tag gestiegen ist und dass auf London und Kent die Hälfte dieser neugemeldeten Fälle kommen. Zur zentralen Frage ist am Montag geworden, ob der "neuen Variante" mit den üblichen Restriktionen Einhalt geboten werden kann. Gesundheitsminister Hancock befürchtet schon, dass ein Gutteil der britischen Bevölkerung womöglich "mehrere Monate lang" unter striktem Lockdown leben muss, bis das Impfen Abhilfe schaffen könne. Immer vorausgesetzt, fügten Pessimisten dazu, der existierende Impfstoff verliere nicht an Wirkung durch die Viren-Mutation.

Zwischen Angst vor der neuen Ungewissheit und Zorn über die Regierungspolitik schwankten gestern die Gefühle vieler Briten, auch unter Anhängern der Konservativen. Der Tory-Abgeordnete Sir Charles Walker sprach den Verdacht aus, Johnson habe längst von der neuen Gefahr gewusst, sie aber bis zuletzt verschwiegen. Er habe gewartet, bis das Parlament sich in die Weihnachtsferien begeben hatte, bevor er "Weihnachten abgeblasen" habe, so Walker.

"Tückische Finte" der EU

Fragen sind bereits auch laut geworden, wann Johnson von der "neuen Variante" gewusst habe und warum er und sein Kabinett so lange nichts unternahmen. Angeblich soll diese Variante im September entdeckt worden sein. "Die Regierung hat seit Oktober davon gewusst", erklärte gestern Londons liberaler "Guardian". "Sie hat sich aber wiederholten Appellen von Wissenschaftern und Ärzten, einen schärferen Lockdown anzuordnen, widersetzt."

Der Vorsitzende der Brexit-Partei, Nigel Farage, hat keinen Zweifel daran, dass der Fahrstopp am Ärmelkanal nichts als eine tückische Finte ist, mit der die EU die Briten verängstigen und zur Unterzeichnung eines genehmen Handelsvertrags zwingen möchte. Zeit, sich ohne Deal von den Europäern zu verabschieden, sagte Farage: "Wir haben es mit Halunken und Drangsalierern zu tun."