"Die letzten Tage vor der Wahl des neuen CDU-Vorsitzenden wird ein Feuerwerk an Interviews und Gerüchten abgebrannt werden", hat ein führender CDU-Politiker bereits vor einigen Wochen vorausgesagt. Gut eine Woche vor dem digitalen CDU-Bundesparteitag und der Wahl des neuen Parteivorsitzes am 16. Jänner steigt die parteiinterne Nervosität tatsächlich stark an. Wilde Spekulationen rücken nicht nur die drei Kandidaten in den Mittelpunkt.

   Die Nervosität in der CDU hat nach übereinstimmender Einschätzung aller Parteiflügel vor allem zwei Gründe: Zum einen zeigt auch der aktuelle ARD-Deutschlandtrend, dass keiner der drei Kandidaten - Armin Laschet, Norbert Röttgen und Friedrich Merz - in der Gunst der CDU-Anhänger mit deutlichem Abstand vorne liegt. "Zum anderen ist es für niemanden möglich, angesichts der fehlenden physischen Treffen ein wirkliches Stimmungsbild der 1.001 Delegierten der 15 Landesverbände einzuholen", sagt ein Präsidiumsmitglied zu Reuters.

 

Wer gewinnt Rennen um Kanzlerschaft?

Also wird wild spekuliert und Stimmung gemacht. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Laschet, der Wirtschaftspolitiker Merz und der Außenpolitiker Röttgen überziehen die Republik mit Interviews. Am Freitagabend werden sie zu einer letzten von der CDU organisierten Kandidatendebatten zusammenkommen. Aber das Rennen ist in den vergangenen Tagen noch komplizierter geworden, weil immer stärker diskutiert wird, ob denn der Sieger am 16. Jänner überhaupt Unions-Kanzlerkandidat werden müsse.

   Angeheizt wurde diese Debatte sowohl von der CSU als auch von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und Unions-Fraktionschef Ralph Brinkhaus. Schon lange gilt CSU-Chef Markus Söder als starker Mitkonkurrent um die K-Frage. Schäuble und Brinkhaus betonten in Interviews, dass der Kanzlerkandidat vielleicht nicht einmal Parteichef sein müsse. Dadurch kommt nun auch noch der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn ins Spiel.

Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder ist - wie die Kandidaten um den CDU-Vorsitz - ebenfalls im Rennen um die Kanzlerkandidatur. - © APAweb / afp, Michael Kappeler
Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder ist - wie die Kandidaten um den CDU-Vorsitz - ebenfalls im Rennen um die Kanzlerkandidatur. - © APAweb / afp, Michael Kappeler

 

Röttgen Parteichef, Söder Kanzler?

Etwa im saarländischen CDU-Landesverband wird mehr oder weniger offen gesagt, dass man mehrheitlich eine Präferenz für Röttgen habe - aber vor allem, weil man dann Söder als Kanzlerkandidaten haben könne. Röttgen wird unterstellt, dass er als CDU-Chef am leichtesten eine Kandidatur des CSU-Chefs akzeptieren würde. Laschet und Merz haben dagegen deutlich gemacht, dass sie selbst Kanzler werden wollen. Nun könnte auf dem Parteitag taktisch abgestimmt werden, hofft man zumindest im Röttgen-Lager. Bremens CDU-Chef Carsten Meyer-Heder wiederum nennt Spahn offen als bevorzugten Kanzlerkandidaten - was nach Informationen aus der Partei die Frage aufwirft, wen die CDU-Delegierten denn wählen sollen, wenn sie den Gesundheitsminister als Spitzenmann im Wahlkampf haben wollen.

   Öl ins Feuer gossen in den vergangenen Tagen zudem Söder und CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, die die Entscheidung in der K-Frage bis nach den Landtagswahlen Mitte März hinauszögern wollen. Beide betonten, dass Kanzlerkandidat der Union ohnehin nur der werden dürfe, der dann die größten Siegchancen habe. Dies klingt nach einer Ohrfeige für alle drei CDU-Kandidaten. Denn die Zustimmungswerte in Umfragen sind für Söder und Spahn deutlich besser als für Merz, Röttgen und Laschet. "Danach wird sich eine Personalentscheidung richten müssen, ganz unabhängig davon, wer am 16. Jänner der neue Vorsitzende der CDU wird", betonte Dobrindt auf der CSU-Klausurtagung - und es klang fast wie eine Drohung.

Deutschlands Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der Armin Laschets Kandidatur für den CDU-Vorsitz unterstützt, ließ am Freitag Gerüchte dementieren, er selbst strebe die Kanzlerkandidatur an. - © APAweb / afp, John MacDougall
Deutschlands Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der Armin Laschets Kandidatur für den CDU-Vorsitz unterstützt, ließ am Freitag Gerüchte dementieren, er selbst strebe die Kanzlerkandidatur an. - © APAweb / afp, John MacDougall

 

Spahn ließ dementieren

Deshalb rückte Gesundheitsminister Spahn ins Zentrum der Spekulationen, obwohl er ein ums andere Mal beteuert hat, dass er zum "Team Laschet" gehöre und dessen Wahl unterstütze. Aber bei einer Ämtertrennung könnte er zumindest theoretisch Spitzenmann der Union bei der deutschen Bundestagswahl werden. Am Freitag ließ er Berichte von "Spiegel" und "Bild" dementieren, dass er selbst im Hintergrund sondiere, ob er Chancen in der Partei habe. Es stimme zwar, dass Spahn wie viele andere täglich in der CDU herumtelefoniere, um die Stimmung vor dem Parteitag zu sondieren, sagte ein Sprecher. Aber das tue Spahn nicht, um eine eigene Kandidatur vorzubereiten.

   Angesichts der diffusen Stimmungslage ist auch die noch amtierende CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer vorsichtig geworden. "Möglich ist alles", sagte sie der "Saarbrücker Zeitung". Es sei klug, sich die Situation im Frühjahr genau anzuschauen. "Ob der neue Parteivorsitzende in Rücksprache mit der Partei die Option dann für sich zieht oder ob er zu anderen Entscheidungen gelangt, werden wir sehen", fügte sie hinzu. Parteiintern wird erwartet, dass diese Äußerung die Spekulation um Spahn und Söder noch vor dem 16. Jänner anheizen dürfte.