Leer gefegte Supermarktregale, fehlende Medikamente, Lkw-Kolonnen, die tagelang an der Grenze feststecken: Das waren die Horrorszenarien für Großbritannien, die für den Fall eines Brexit ohne Handelsabkommen mit der EU gezeichnet wurden. Doch kurz bevor sie eintreten konnten, haben sich beide Seiten auf einen Vertrag geeinigt, und seit gut einer Woche ist der Austritt aus der Gemeinschaft mit der Loslösung des Königreichs vom EU-Binnenmarkt vollständig. Die Lkw-Schlangen, die sich kurz vor Jahresende an den Grenzübergängen in Südostengland gebildet hatten, waren coronabedingt und haben sich schon lange aufgelöst. Die Briten müssen weder hungern noch auf nötige Arzneimittel verzichten.

Dennoch ist der Brexit nicht ohne Auswirkungen geblieben - und die sind für die Insel nicht unbedingt erfreulich. Denn trotz der Handelsvereinbarung mit der EU gibt es Hürden, nicht zuletzt bürokratische. Sie zeigen sich bereits etwa beim Warenverkehr.

Seine Konsequenzen daraus zog schon der Paket-Dienstleister DPD: Er stellte Lieferungen von Großbritannien auf den europäischen Kontinent und nach Irland vorübergehend ein. Grund sei die erhöhte Belastung durch die erforderliche Zollbürokratie, wie das Unternehmen auf seiner Webseite mitteilte. 20 Prozent der Pakete wurden demnach ohne ausreichende Zollerklärung abgesendet und müssten an die Absender zurückgeschickt werden.

Fischer stoppen EU-Exporte

Ihre Exporte in die EU haben ebenfalls zahlreiche schottische Fischer gestoppt. Sie beklagen eine tagelange Verzögerung der Lieferzeiten und eine erhebliche Erhöhung der Kosten. Die Einführung von Gesundheitszertifikaten, Zollerklärungen und anderen Formalitäten mache die Geschäfte unrentabel. In der ersten Arbeitswoche nach dem Austritt aus dem europäischen Binnenmarkt hätten Lieferungen, die bisher einen Tag gedauert hätten, drei oder mehr Tage benötigt, wenn sie überhaupt angekommen seien.

Der Handelsverband SB Fish riet den Fischern deswegen dazu, auf den Fang für Exportlieferungen zu verzichten. "Wir liefern ein frisches Produkt, und die Kunden erwarten, es frisch zu bekommen, also kaufen sie nicht. Es ist eine Katastrophe", meint Verbandsvertreter Santiago Buesa. Vor allem der Handel mit Lebensmitteln, Nutztieren und frischen Fleisch- und Fisch-Produkten sei von bürokratischen Brexit-Hürden betroffen.

Schwierigkeiten gibt es auch für die Textileinzelhändler, deren Waren häufig in Asien hergestellt werden. Dem am Heiligen Abend vereinbarten Handelspakt zufolge fallen für Kleider und Accessoires, die beispielsweise aus Bangladesch oder Kambodscha stammen, nun Zölle an, sollten sie von Großbritannien aus auf die irische Insel oder den Kontinent exportiert werden. Die neuen Regeln betreffen außer dem EU-Mitglied Irland auch das zum Vereinigten Königreich gehörende Nordirland. Dieses ist enger an die EU gebunden, da es weiter den Regeln des Binnenmarktes folgt. Bei der Einfuhr von Waren aus Großbritannien nach Nordirland sind daher seit 1. Jänner Zoll- und Zertifikatskontrollen nötig.

Ihre Lieferungen dorthin stellten beispielsweise auch die Unternehmen John Lewis und TKMaxx vorübergehend ein. Das Warenhaus Debenhams nahm seinen Online-Shop für Irland vom Netz.

Klagen in Nordirland

Doch bekommen die Nordiren nicht nur beim Kauf von Kleidung oder Accessoires für Haus und Garten den Brexit zu spüren. Dieser macht sich auch auf anderen Supermarktregalen bemerkbar. Das führe schon zu Beschwerden in der Bevölkerung, sagt die nordirische Konfliktforscherin und Brexit-Expertin Katy Hayward von der Queen’s University Belfast. Vor allem bei frischen Produkten komme es zu Störungen der Lieferketten. Denn Firmen seien unsicher, welche Formulare bei der Einfuhr notwendig sind. "Viele merken, dass sie nicht vorbereitet sind", erklärt Hayward. Das sei nicht überraschend - es brauche Jahre, um solch aufwendige Veränderungen umzusetzen.

Dennoch ortet Mark Simmonds vom Hafenverband British Ports Association bisher kein Chaos an der irischen Seegrenze. Das könne sich aber ändern. "Einige Häfen haben Lastwagen zurückgeschickt. Aber die meisten Fernfahrer waren bisher vorbereitet. Die Sorge ist, dass das nicht so bleiben wird, wenn die Mengen zunehmen", berichtet Simmonds. In der ersten Jännerwoche hätte vergleichsweise wenig Fracht die Häfen passiert. Pro Lastwagen veranschlagt der Verbandschef in dem Fall rund fünf Minuten - wenn die Fahrer vorbereitet seien. "Aber selbst ein paar Minuten machen einen Unterschied."

Der britische Nordirland-Minister Brandon Lewis zeigte sich im BBC-Interview zuversichtlich, die Waren würden "bald wieder fließen wie im Jahr 2020". Katy Hayward ist hingegen skeptisch: "Ich denke nicht, dass sich die Dinge schnell bessern werden." Die Spannungen im Land nähmen merklich zu.(dpa/reu)