Recep Tayyip Erdogan kann auch anders. Ab und zu zumindest. Nachdem der türkische Staatschef in den letzten Monaten und Jahren Europa mit Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land, martialisch-auftrumpfender Rhetorik und einer offen bellizistischen Politik in Syrien, Libyen und Berg-Karabach provoziert hat, tritt er nun, im Vorfeld von Gesprächen mit Erzfeind Griechenland zur Beendigung des Erdgasstreits in der Ägäis, betont sanft auf. "Ich glaube, so Gott will, werden die Sondierungsgespräche mit unserem Nachbarn Griechenland am 25. Jänner eine neue Ära einleiten", sagte Erdogan am Dienstag in Ankara. Gleichzeitig rief er Griechenland dazu auf, "die Eskalation der Spannungen" nicht weiter voranzutreiben. Auch gegenüber der EU als Ganzes kehrte Erdogan den Konsenspolitiker hervor: "Wir sind bereit, unsere Beziehungen wieder in die Spur zu bringen", sagte Erdogan am Dienstag vor EU-Diplomaten in Ankara. "Wir hoffen, dass unsere europäischen Freunde den gleichen Willen zeigen werden." Der türkische Präsident ging gar soweit, eine "langfristige Vision"  zu fordern,  "weit entfernt von Vorurteilen und Furcht".

Die Türkei sei bereit, die Beziehungen zur Europäischen Union zu verbessern und dem Ziel einer vollwertigen EU-Mitgliedschaft verpflichtet. "Die Unsicherheit, die durch den Austritt Großbritanniens noch verschärft wurde, kann nur dadurch eliminiert werden, dass die Türkei ihren verdienten Platz in der europäischen Familie einnimmt." Man erwarte die gleiche Entschlossenheit von den "europäischen Freunden", sagte Erdogan.

 

Sanktionen und Kriegsgefahr

Die Beziehungen der EU mit der Türkei waren zuletzt in eine schwere Krise geraten. Einer von vielen Gründen dafür war der Streit um die Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer zwischen der Türkei und Griechenland. Am Montag erklärten die beiden Staaten, sie wollten am 25. Jänner ihre Gespräche zur Beilegung des Streits wieder aufnehmen.

Seit der Entdeckung reicher Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer gibt es heftigen Streit um deren Ausbeutung. Sowohl die EU-Mitglieder Griechenland und Zypern als auch die Türkei erheben Anspruch auf die betreffenden Seegebiete, Athen und Ankara untermauerten ihre Forderungen auch durch die Entsendung von Kriegsschiffen im vergangenen August. Kurz darauf verlängerte die Türkei ihre umstrittenen Gas-Erkundungsmission in der Region. Die EU beschloss bei ihrem Gipfel Ende Dezember Sanktionen gegen Verantwortliche und beteiligte Firmen.