Ungeachtet der grassierenden Corona-Krise in ihrem Land sind die Portugiesen bei der Präsidentenwahl am Sonntag nach ersten amtlichen Angaben in überraschend großer Zahl zu den Urnen gegangen. Bis zur Mittagszeit hätten etwas mehr als 17 Prozent aller Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, teilte die nationale Wahlbehörde CNE in Lissabon mit. Das ist mehr als bei den Präsidentenwahlen der vergangenen Jahre zum gleichen Zeitpunkt.

Umfragen zufolge dürfte der beliebte konservative Amtsinhaber Marcelo Rebelo de Sousa beim ersten Durchgang die meisten Stimmen bekommen, womöglich ist aber eine Stichwahl Mitte Februar nötig. Der rechtspopulistische Kandidat Andre Ventura hoffte auf einen Achtungserfolg.

Trotz des derzeitigen Corona-Lockdowns bildeten sich vor einigen Wahllokalen nach Medienberichten lange Schlangen. Die Menschen wurden nur einzeln eingelassen. Der 54-jährige José Barra erklärte: "Nichts hätte mich von der Stimmabgabe abgehalten, aber ich denke, dass beispielsweise ältere Menschen sowohl vom Virus als auch von den Schlangen abgeschreckt werden." Experten hatten wegen der Corona-Pandemie im Vorfeld vor einer historisch niedrigen Beteiligung von rund 30 Prozent gewarnt.

Vorgezogene Stimmabgabe

"An alle, die wählen können und wollen: Überwindet eure Ängste", rief Rebelo de Sousa die Bürger bei seiner Stimmabgabe im nordportugiesischen Celorico de Basto auf. Dank Beachtung der Corona-Schutzregeln und der Geduld der Portugiesen laufe der Urnengang im ganzen Land problemlos, befand der 72 Jahre frühere Jus-Professor und TV-Journalist.

Da die Briefwahl in Portugal kaum verbreitet ist, hatten die Behörden vor einer Woche bereits eine vorgezogene Stimmabgabe organisiert. Fast 200.000 Bürger wurden dabei in den Wahllokalen gezählt. Insgesamt 9,8 Millionen Portugiesen sind zum Votum aufgerufen, davon 1,5 Millionen im Ausland.

Bisher wurden in Portugal alle vier Präsidenten seit dem Ende der Diktatur 1976 für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Sollte sich keiner der insgesamt sieben Kandidaten in der ersten Wahlrunde durchsetzen, wäre am 14. Februar eine Stichwahl fällig.

Zunahme von Neuinfektionen

In Portugal wurde zuletzt eine extreme Zunahme der Corona-Infektionen festgestellt. Dies wird weitgehend auf die Ausbreitung der besonders ansteckenden Corona-Mutante B.1.1.7 zurückgeführt, die zunächst in Großbritannien festgestellt worden war. Landesweit gilt seit eineinhalb Wochen ein zweiter Lockdown; fast alle Geschäfte, Restaurants sowie mittlerweile auch die Schulen sind geschlossen. Wegen der besorgniserregenden Infektionslage war der traditionelle Wahlkampf-Endspurt gestrichen worden.

Gegen Rebelo de Sousa treten unter anderem der 38-jährige Gründer der Anti-Establishment-Partei Chega (Genug), Ventura, an sowie die frühere sozialistische Abgeordnete Ana Gomes. Rebelo de Sousa wurden in Umfragen 58 Prozent der Stimmen vorausgesagt, der 72-Jährige ist beliebt im Land. Rebelo de Sousa stammt aus den Reihen der Sozialdemokratischen Partei (SDP), die in Portugal aber im konservativen Lager beheimatet ist. Innerhalb der SDP zählte er sich aber selbst zum linken Flügel.

Mit dem Chef der Minderheitsregierung, dem Sozialisten Antonio Costa, arbeitet der moderat konservative Präsident einträchtig zusammen. Doch kann sowohl sein Veto gegen Gesetze einlegen, als auch das Parlament für vorgezogene Neuwahlen auflösen. Der Präsident wird für fünf Jahre gewählt, maximal zwei Amtszeiten sind möglich. (afp/dpa/apa)