Der Impfstoff-Streit zwischen der EU und AstraZeneca schaukelt sich weiter hoch. Während die Kommission nun von dem Pharmakonzern verlangt, den Liefervertrag mit der Union offenzulegen, wehrt sich das britisch-schwedische Unternehmen gegen Vorwürfe, es hätte Vereinbarungen nicht eingehalten.  Auch ein Online-Krisengespräch am Mittwoch Abend brachte keine Lösung. "Wir bedauern, dass es immer noch keine Klarheit über den Lieferplan gibt und erbitten uns von Astrazeneca einen klaren Plan zur schnellen Lieferung der Impfstoffe, die wir für das erste Quartal reserviert haben", erklärte Gesundheitskommissarin Kyriakides nach dem Krisentreffen mit Astrazeneca. "Wir werden mit dem Unternehmen zusammenarbeiten, um Lösungen zu finden und die Impfstoffe rasch für die EU-Bürger zu liefern." Sie lobte aber den konstruktiven Ton des Gesprächs mit Unternehmenschef Pascal Soriot, der sich persönlich zugeschaltet habe.

Astrazeneca teilte mit, es habe ein "konstruktives und offenes Gespräch" über die Komplexität der Erhöhung bei der Impfstoff-Produktion und die Schwierigkeiten stattgefunden. Das Unternehmen habe eine noch engere Zusammenarbeit zugesagt, "um gemeinsam einen Weg für die Auslieferung unseres Impfstoffs in den kommenden Monaten aufzuzeichnen".

 

"Wirklich fair"

Geschäftsführer Pascal Soriot war zuvor im Interview mit mehreren europäischen Zeitungen in die Offensive gegangen und erklärte, dass die EU "wirklich fair" behandelt werde. AstraZeneca sei gar nicht vertraglich zur Lieferung bestimmter Mengen Corona-Impfstoff verpflichtet. Abgeschlossen wurde nämlich eine "Best Effort"-Vereinbarung, betonte Soriot.

Diese Klausel besagt, dass sich eine Vertragspartei verpflichtet, "nach besten Bemühungen" die festgelegte Vorgabe zu erfüllen. Sie ist nach Aussagen eines EU-Vertreters nicht unüblich bei Abkommen mit Herstellern für Produkte, die sich noch in der Entwicklung befinden. Allerdings bedeutet dies, dass einem Unternehmen bei möglichen Klagen wegen Nicht-Erfüllung eben nicht primär nachzuweisen ist, dass es das Ziel nicht erreicht, sondern dass es sich nicht bemüht hat, es zu erreichen.

Der Grund für den Passus war laut Soriot, "dass Brüssel mehr oder minder zum selben Zeitpunkt beliefert werden wollte wie die Briten - obwohl die drei Monate früher unterzeichnet hatten. Darum haben wir zugesagt, es zu versuchen, uns aber nicht vertraglich verpflichtet." Damit weist der Konzernchef auch den Verdacht zurück, AstraZeneca würde andere Kunden bevorzugen, nicht zuletzt weil diese möglicherweise mehr für das Vakzin zahlen.

Sanofi produziert für Konkurrent

Tatsächlich wird in Großbritannien und den USA, wo die Firma ebenfalls Produktionsstätten hat, weitergeimpft, während die EU am Freitag die Nachricht erhielt, dass das Unternehmen wegen Produktionsengpässen die zugesagte Liefermenge für die Gemeinschaft bis Ende März nicht einhalten könne. Demnach könnte die Zahl der Impfdosen im ersten Quartal mit 31 Millionen Stück rund 60 Prozent niedriger ausfallen als geplant.

Die EU-Kommission widerspricht der Darstellung, dass AstraZeneca vertraglich nicht zur Lieferung bestimmter Mengen Impfstoff an die EU verpflichtet sei. Denn die "besten Bemühungen" würden sich auf die Entwicklung und Zulassung des Produkts beziehen. Werde dieses genehmigt, seien dann aber die vereinbarten, auch die vorproduzierten Mengen zu liefern. Die Kommission soll außerdem die Firma dazu drängen, Impfstoff aus den Werken in Großbritannien auf den Kontinent zu transportieren.

Die Brüsseler Behörde hatte im August des Vorjahres für die Union 400 Millionen Dosen des Vakzins von AstraZeneca gesichert. Es war einer von sechs Verträgen, die mit Impfstoff-Herstellern abgeschlossen wurden. Die Mittel der Pharmakooperation von Biontech und Pfizer sowie des US-Unternehmens Moderna sind in der EU bereits zugelassen; über AstraZenecas Produkt will die Arzneimittelbehörde bis Ende der Woche entscheiden. Weitere Vereinbarungen gibt es mit Curevac, Johnson & Johnson sowie Sanofi. Insgesamt geht es dabei um rund zwei Milliarden Impfdosen.

Allerdings hatte der französische Konzern Sanofi, der einen Corona-Impfstoff gemeinsam mit dem britischen Unternehmen GlaxoSmithKline entwickelt, im Dezember einen Rückschlag erlitten, weil das Mittel bei älteren Erwachsenen keine ausreichende Reaktion des Immunsystems hervorrief. Nun aber soll er in einer ungewöhnlichen Kooperation doch den Wirkstoff produzieren - und zwar den von Konkurrent Biontech/Pfizer. Die Firmen haben am Mittwoch vereinbart, mehr als 125 Millionen Dosen des Vakzins zu fertigen. Diese seien zur Verwendung in der EU vorgesehen und würden in Frankfurt produziert.

Kritik an Kommission

Die ersten Lieferungen seien im Sommer zu erwarten, teilte Sanofi mit. Das Unternehmen werde Biontech Zugang zu seiner Produktionsinfrastruktur gewähren und Fertigungsschritte der späten Phase übernehmen. Dafür soll eine Anlage genutzt werden, in der Sanofi bisher Diabetes-Medikamente herstellte. Die Umstellung benötige aber Zeit, daher könne nicht vor dem Sommer geliefert werden, sagte eine Sprecherin.

Biontech arbeitet selbst am Ausbau seiner Produktionskapazitäten. Mit Pfizer hat sich das Unternehmen verpflichtet, in diesem Jahr bis zu 600 Millionen Dosen an die EU zu liefern. Die Partner mussten aber auch Lieferprobleme eingestehen, da die Produktion im belgischen Pfizer-Werk Puurs wegen der Ausweitung der Kapazitäten zunächst gedrosselt werden müsse.

Jedoch steht nicht nur die Pharmaindustrie in der Kritik, sondern auch die EU-Kommission, weil in der Union bisher prozentuell weit weniger Menschen immunisiert wurden als etwa in Großbritannien und Israel. Das liegt zum Teil daran, dass die Mittel in der EU eine Marktzulassung statt nur eine Notfallzulassung bekommen sollen - und das dauert nun einmal länger. (reu/dpa/apa/czar)