Bei Protesten von Studierenden an der Bogazici-Universität in Istanbul sind am Montag erneut mehrere Menschen festgenommen worden. 159 Teilnehmer seien verhaftet worden, weil sie "die Demonstrationen vor der Universität trotz Warnungen nicht beendet hatten", teilte das Büro des Gouverneurs von Istanbul mit. Die Proteste richten sich gegen die Ernennung des neuen Direktors Melih Bulu durch Präsident Tayyip Erdogan.

Bulu ist der erste Leiter der renommierten Hochschule, der nicht intern besetzt, sondern durch den türkischen Präsidenten ernannt wurde. Erdogan versucht seit einem Militärputsch im Jahre 1980 seinen Einfluss auf die Hochschulen auszubauen. Die Demonstranten forderten auch die Freilassung von vier Studierenden, die zuvor wegen eines umstrittenen Bildes inhaftiert worden waren. Das Bild zeigte das muslimische Heiligtum Kabaa mit LGBT-Symbolen.

Auf dem Campus, zu dem nur Studierende Zugang haben, gab es Gerangel mit Sicherheitskräften, wie auf Videos zu sehen war. Die Polizei sperrte die Gegend um die Universität großräumig ab und hinderte die Studenten nach deren Angaben daran, den Campus zu verlassen und eine Presseerklärung zu verlesen. Die Studenten hatten zu dem Protest aufgerufen, nachdem am Sonntag zwei Studierende in Zusammenhang mit einem umstrittenen Kunstwerk verhaftet worden waren.

Religion gegen Kunst und LGBTQ-Aktivisten

Die Studierenden hatten auch eine Ausstellung auf dem Campus organisiert, auf der unter anderem das umstrittene Bild ausgestellt wurde. Darauf ist nach Medienberichten eine Szene rund um das muslimische Heiligtum in Saudi-Arabien, die Kabaa, zu sehen: Die Kabaa ist fast vollständig von einem mythischen Wesen verdeckt. Den Rand des Bildes zieren LGBTQ*-Flaggen. LGBTQ* steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und queere Menschen - und das Pluszeichen als Platzhalter für weitere Identitäten.

Das Bild wurde unter anderem von der islamischen Gruppe der Studentinnen und Studenten der Bogazici-Universität als beleidigend kritisiert. Der Anwalt der Studierenden, Levent Piskin, sagte der Deutschen Presse-Agentur, den verhafteten Studenten sei zunächst "Herabwürdigung religiöser Werte", später dann aber "Aufwiegelung des Volkes zu Hass und Feindschaft" vorgeworfen worden. Nach Ansicht des Juristen liegt "überhaupt keine Straftat" vor. Präsident Recep Tayyip Erdogan ging am Montag bei einer Rede indirekt auf den Vorfall ein und warf der LGBTI-Bewegung Vandalismus vor. (apa/Reuters/dpa)