Der deutsche Außenminister Heiko Maas bezeichnete das Urteil als "herben Schlag" gegen Freiheitsrechte und Rechtsstaatlichkeit in Russland. "Alexej Nawalny muss unverzüglich freigelassen werden", teilte Maas mit.

Scharfe Kritik am Vorgehen des Kreml kam von der deutschen Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer. "Erst Nawalny vergiften und ihn dann ins Gefängnis stecken, weil er im Koma liegend Bewährungsauflagen nicht erfüllt? Zynismus pur", schrieb die CDU-Politikerin am Dienstag auf Twitter.

Auch US-Außenminister Antony Blinken forderte die sofortige Freilassung des Kremlkritikers. Man sei "äußerst besorgt" über die am Dienstagabend von einem Moskauer Gericht ausgesprochene Haftstrafe gegen Nawalny, teilte Blinken in Washington mit. Die USA würden sich eng mit ihren Verbündeten abstimmen, "um Russland zur Rechenschaft zu ziehen", betonte er. Blinken forderte weiters die Freilassung der im Zuge der Pro-Nawalny-Demonstrationen festgenommenen Personen. "Das perverse Urteil von heute zielt eher auf das Opfer eines Giftanschlags als auf die dafür Verantwortlichen", unterstrich der britische Außenminister Dominic Raab. 

Der französische Präsident Emmanuel Macron bezeichnete das Urteil gegen Nawalny als "inakzeptabel". Litauen und Lettland forderten EU-Sanktionen gegen Russland und stellten eigene Strafmaßnahmen in Aussicht, wenn sich die Union diesbezüglich nicht schnell verständigen sollte.

Russland: Freilassung "realitätsfern"

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International wertete das Urteil als Zeichen für die "Verzweiflung", mit der die russischen Behörden Regierungskritiker zum Schweigen zu bringen versuchen. "In ihrem Rachefeldzug gegen Alexej Nawalny und seine Unterstützer haben die russischen Behörden noch den letzten Rest an Gerechtigkeit und Respekt für Menschenrechte entsorgt", teilte die Leiterin des Moskauer Amnesty-Büros, Natalja Swiagina mit.

Der Westen soll sich nicht in die hoheitlichen Angelegenheiten Russlands einmischen, teilte das russische Außenministerium in einer ersten Reaktion mit. Die Forderungen nach einer Freilassung Nawalnys seien "realitätsfern".

Kritik auch aus Österreich

Nach dem umstrittenen Urteil hat auch Österreich die "sofortige und bedingungslose Freilassung" des Kremlkritikers gefordert. "Seine Menschenrechte und Grundfreiheiten müssen respektiert werden, genau so wie jene aller anderen Protestierenden und Medienvertreter, die in den vergangenen Tagen festgenommen wurden", schrieb das Außenministerium am Dienstagabend in englischer Sprache auf Twitter.


Scharfe Kritik am Urteil kam von der außenpolitischen Sprecherin der Grünen, Ewa Ernst-Dziedzic, die von einem "Schauprozess" der Machthaber sprach, "um eine erfolgreiche oppositionelle Stimme zum Schweigen zu bringen". Weil die Justiz "als verlängerter Arm des Kreml" agiere, sei das Urteil "nicht überraschend", so Ernst-Dziedzic. Es sei aber "sicher eines, dass weder die Internationale Gemeinschaft noch die erwachte Opposition zum Schweigen bringen wird, im Gegenteil". (apa, reuters)