Melih Bulu denkt nicht an Rücktritt. Der Direktor der Bogazici-Universität in Istanbul, dessen Einsetzung seit Wochen für Proteste unter den Studenten sorgt, will seinen Posten nicht aufgeben. Die Aufregung werde sich in sechs Monaten ohnehin gelegt haben, erklärte Bulu gegenüber türkischen Medien.

Doch noch zeichnet sich keineswegs Beruhigung ab. Seit Anfang des Jahres bringen Studierende und ihre Unterstützer auf dem Universitätsgelände und in den Straßen ihren Unmut zum Ausdruck gegen den Leiter der Hochschule, der nicht intern besetzt, sondern von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ernannt wurde. Bulu hat sich vor Jahren als Kandidat der Regierungspartei AKP bei Lokalwahlen beworben - erfolglos. Kritisiert wird aber nicht nur die Nähe des neuen Direktors zur Parteipolitik, sondern auch die Beschneidung der akademischen Unabhängigkeit. Denn seit Inkrafttreten des Präsidialsystems in der Türkei im Juli 2018 ist der Staatschef alleine berechtigt, Rektoren an staatlichen Universitäten einzusetzen.

Daher versammelten sich auch in den vergangenen Tagen wieder tausende Menschen zu Demonstrationen - trotz Verboten. Dutzende Verhaftungen waren die Folge. Am Mittwoch befanden sich nach Behördenangaben noch 29 Personen in Polizeigewahrsam. Tags zuvor stand die Zahl 159 für die Festnahmen. Akademiker hatten sie auf Schilder gezeichnet, die sie auf dem Campus hochhielten, wo sie sich mit dem Rücken zum Direktorat aufgestellt hatten.

Ruf nach Rücktritt

Angeheizt wurden die Proteste zusätzlich durch Haftbefehle gegen mehrere Studierende am Wochenende. Sie waren im Zusammenhang mit einer Ausstellung auf dem Universitätsgelände festgenommen worden, in der auch ein umstrittenes Bild rund um das muslimische Heiligtum Kaaba in Saudi-Arabien gezeigt wurde. Unter anderem zieren LGBT-Flaggen der Homo-, Bi- und Transsexuellen-Gemeinde den Rand des Bildes. Was Innenminister Süleyman Soylu zu verächtlichen Bemerkungen über die Menschen im Kurznachrichtendienst Twitter verleitete.

Mittlerweile fordert ebenso der Vorsitzende der Oppositionspartei CHP, Kemal Kilicdaroglu, den Rücktritt Bulus. Auch der Bürgermeister Ankaras, wo es Solidaritätskundgebungen für die Istanbuler Studierenden gegeben hatte, befand in einem offenen Brief, dass der Rektor sein Amt aufgeben sollte. Dies wäre besser, als "den akademische Frieden, die Jugend und unsere Zukunft" zu opfern, schrieb der CHP-Politiker Mansur Yavas.

Die Regierung weist die Forderung zurück und spricht von einer legalen Ernennung Bulus. Der Rektor selbst hat kurz nach dem Beginn der Proteste diese als jugendlichen Überschwang bezeichnet. "Studenten mögen es, ihre Energie für solche Dinge aufzubringen, weil sie jung ist", sagte Bulu der Tageszeitung "Hürriyet". "Mit der Zeit werden sie verstehen, welche Art von Rektor ich bin."

Vorwurf des Terrorismus

Doch dann haben sich die Kundgebungen zu Protesten ausgeweitet, die manche schon mit jenen im Istanbuler Gezi-Park 2013 vergleichen. Da hatte sich der ursprüngliche Widerstand gegen einen Bebauungsplan zu landesweiten Demonstrationen gegen die autoritäre Politik des damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Staatschefs ausgeweitet.

Dass er das nicht wieder zulassen werde, stellte Erdogan nun klar. Er rückte die Protestierenden an der Bogazici-Universität in die Nähe von Terroristen.

Dieser Vorwurf wird in der Türkei häufig vor Verhaftungen erhoben - ob gegen kurdische Aktivisten oder Politiker, Journalisten oder eben Demonstranten. Nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 verstärkte sich das noch. Hunderte Menschen wurden wegen möglicher Unterstützung von Terrorismus festgenommen, einige sind seit Jahren in Haft.

Razzien finden regelmäßig statt. Erst am Dienstag berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu von Durchsuchungen in 42 Provinzen des Landes. Spezialeinheiten gingen dabei gegen mutmaßliche Anhänger des in den USA lebenden islamischen Predigers Fethullah Gülen vor, den die Regierung in Ankara als Staatsfeind deklariert. Die Istanbuler Oberstaatsanwaltschaft hatte die Festnahme von fast 300 Verdächtigen angeordnet.(reu/dpa/czar)