Er gilt als großer Verlierer der Regierungskrise in Rom: Der scheidende Premier Giuseppe Conte, der bis zuletzt auf eine Neuauflage seiner Regierung gehofft hatte, geht besiegt aus dem Duell mit seinem politischen Widersacher Matteo Renzi hervor. Conte hat das politische Geschick seines Gegners unterschätzt, der ihn mit Raffinesse aus der Regierung hinausmanövriert hat.

Renzi, Senator und Gründer der Splitterpartei Italia Viva, die in jüngsten Umfragen auf lediglich zwei Prozent kommt, feiert das von ihm verursachte Schachmatt für die Regierung von Fünf-Sterne-Bewegung und Sozialdemokraten. Nicht umsonst wird Renzi als "Verschrotter" der italienischen Politik bezeichnet, denn er sprengt alle konsolidierten Regeln. Um seine Ziele durchzusetzen greift er auf sein unumstrittenes politisches Gespür zurück, das es ihm 2014 ermöglicht hatte, mit 39 Jahren zum jüngsten italienischen Premier aufzusteigen und fast drei Jahre lang im Amt zu bleiben.

"Man sieht, dass Conte kein Berufspolitiker ist, weil er die Partie von Anfang an schlecht gespielt hat. Mit einer Kraftprobe hat er versucht, im Sattel zu bleiben, ohne die Sicherheit eines Sieges zu haben", wurde Renzi von der Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" zitiert.

Conte steht jetzt vor den Scherben seiner Regierung, mit der er bis zum Ende der Legislaturperiode im Jahr 2023 regieren wollte. Der eher farblose Professor für Privatrecht, der als Kompromisskandidat für den Premierposten einer Regierungskoalition der rechtspopulistischen Lega und der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung aus dem Nichts aufgetaucht war, muss jetzt sein Büro im Regierungssitz Palazzo Chigi räumen, um "Mr. Euro" Mario Draghi Platz zu machen. Eine schwere Niederlage für den selbsternannten "Anwalt des Volkes" Conte, der Monate lang laut Umfragen zu den populärsten Politikern des Landes zählte.

Noch unklar ist, ob der 56-jährige Rechtsprofessor der Politik erhalten bleibt. Spekulationen zufolge könnte er in irgendeiner Funktion in das Kabinett Draghi einsteigen, so ist er als möglicher neuer Außenminister im Gespräch. Nicht ausgeschlossen wird in Rom außerdem seit Monaten, dass Conte seine Popularität nutzen könnte, um eine eigene Partei zu gründen.

Die Stunde Mario Draghis

Vom "Anwalt des Volkes" zu Super-Mario: Nach dem politisch unerfahrenen Conte schlägt in Italien jetzt die Stunde von Mario Draghi. Die Erwartungen an den als kompetent und führungsstark geltenden früheren EZB-Präsidenten sind enorm: Er soll im politischen Wirrwarr Ordnung schaffen und das Land aus der vierfachen Krise - gesundheitlich, sozial, wirtschaftlich und finanziell - herausführen. Der 73-jährige Ökonom, der in den nächsten Tagen ein Fachleutekabinett auf die Beine stellen will, kennt die italienischen und europäischen Machtapparate bestens.

Welchen Preis die Italiener dafür zahlen werden, ist noch unklar. Spekuliert wird, dass Draghi den Bürgern tief in die Taschen greifen wird, um die Verschuldung infolge der teuren Stützungsmaßnahmen für die Wirtschaft zu finanzieren. Viele Italiener erwarten sich, dass Draghi von ihnen schwere Opfer verlangen wird, schließlich haben sie mit Fachleuteregierungen keine gute Erfahrung.

Das bekannteste und unbeliebteste Kabinett unter den Expertenregierungen war wohl das des Ex-EU-Kommissars Mario Monti. Der Mailänder Wirtschaftswissenschaftler übernahm 2011 nach dem Sturz der vierten Regierung Berlusconi das Amt des Regierungschefs. Der vor allem international bejubelte Wirtschaftsexperte verlor rasch an Popularität, nachdem er Italien infolge der Finanzkrise strenge Sparmaßnahmen aufzwang und eine unpopuläre Pensionsreform durchsetzte. Monti blieb bis Dezember 2013 im Amt.