"Vier Tage musste meine Frau in einem Stuhl verbringen, bis sie endlich ein Bett bekam." Lucio Joao ist außer sich. Vor allem aber besorgt, welche gesundheitlichen Auswirkungen es haben könnte, dass seine schwer an Covid-19 erkrankte Frau Paula vier Tage lang unter diesen Umständen im Krankenhaus behandelt wurde. Im portugiesischen Fernsehen machte er seinem Ärger Luft.

Die Szene aus dem Krankenhaus Vila Franca de Xira im Norden von Lissabon ist derzeit aber keine Ausnahme. Mit täglich mehr als 13.000 Neuinfektionen und 300 Covid-Toten befindet sich das Gesundheitssystem Portugals mit seinen nur knapp zehn Millionen Einwohnern seit Wochen am Limit. Die Corona-Lage ist so dramatisch, dass die Regierung Mitte Jänner bereits seine europäischen Nachbarn um Hilfe bat.

"Es ist ein Gebot der europäischen Solidarität, rasch und unbürokratisch zu helfen, um Menschenleben zu retten", erklärte Bundeskanzler Sebastian Kurz daraufhin. Österreich habe während der Pandemie bereits Intensivpatienten aus Frankreich, Italien sowie aus Montenegro betreut und werde nun auch schwer an Covid erkrankte Menschen aus Portugal aufnehmen.

"Wir haben den portugiesischen Behörden bereits mitgeteilt, dass in Österreich alles startbereit ist. Krankenhäuser aus mehreren Bundesländern boten sich an, ein gutes Dutzend portugiesischer Covid-Patienten aufzunehmen", erklärte Robert Zischg, Österreichs Botschafter in Portugal, auf Anfrage der "Wiener Zeitung". Je nach Schweregrad der Erkrankung würden Patienten auf die jeweiligen Spitäler verteilt. Besonders komplizierte Fälle würden wahrscheinlich in Wiener Fachkliniken behandelt, meint Botschafter Zischg.

Auch Spanien bot seinem Nachbarland an, Intensivpatienten zu übernehmen. Unterdessen schickte Deutschland am Mittwoch ein medizinisches Hilfsteam der Bundeswehr mit 26 Ärzten und Fachkrankenpflegern für Anästhesie und Intensivmedizin nach Lissabon. Mit an Bord der Luftwaffen-Maschine waren 50 Beatmungsgeräte, 150 Infusionsgeräte und Krankenbetten.

Ärzte und Pfleger fehlen

"Emotionen pur" twitterte die Luftwaffe nach der Landung auf dem Militärflughafen Figo Maduro in Lissabon. General Joaquim Borrego, Chef der portugiesischen Luftwaffe, habe dem Sanitätsdienst der Bundeswehr mit Tränen in den Augen die "Dankbarkeit der Menschen" in seinem Land für die medizinische Hilfe übermittelt. Das Bundeswehrteam wird zunächst drei Wochen im Lissabonner Hospital da Luz zum Einsatz kommen, wo es sich auf einer neu eingerichteten Intensivstation mit acht Betten um schwerkranke Covid-19-Patienten kümmern soll.

"Auch auf dem deutschen Gesundheitssystem lastet erheblicher Druck. Dennoch sind wir davon überzeugt, dass gerade in diesen Zeiten Solidarität in Europa unverzichtbar ist", deklarierte die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Ein Dutzend Intensivpatienten nach Wien auszufliegen oder ein Hilfsteam aus acht Bundeswehr-Ärzten und 18 Fachpflegern wirkt auf den ersten Blick zwar eher symbolisch. "In Portugal ist die Lage allerdings so dramatisch, dass wirklich jeder Arzt und Pfleger gebraucht wird", betont Ricardo Mexia. "Portugals Krankenhäuser befinden sich kurz vor dem Kollaps", warnt der Präsident des portugiesischen Ärzteverbandes ANMSP schon seit Tagen.

Das größte Problem ist die Personalknappheit. "Derzeit fehlen in Portugal rund 20.000 Krankenpfleger, die aufgrund schlechter Bezahlung und Arbeitsbedingungen vor allem nach Großbritannien ausgewandert sind", berichtet Guadalupe Simoes von der Krankenpfleger-Gewerkschaft SEP. Ähnlich sieht die Lage bei den Medizinern aus. Daher sollen nun bereits pensionierte Ärzte und selbst Medizinstudenten mobilisiert werden, um das überlastete Gesundheitssystem zu stützen.

Mit 5.576 Covid-Opfern starben im Jänner fast 44 Prozent aller Corona-Toten seit Ausbruch der Pandemie. Zwar gehen die Zahlen seit Mittwoch zurück. Doch noch vor wenigen Tagen verzeichnete Portugal mit einer 7-Tage-Inzidenz von 884 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner die weltweit höchste Rate überhaupt. Die Intensivstationen sind zu 94 Prozent belegt. Die Bilder dutzender Krankenwagen, die mit Covid-Patienten stundenlang vor der Notaufnahme des Lissabonner Hospitals Santa Maria warten mussten, bis Betten frei wurden, gingen um die Welt.

Ein- und Ausreisen verboten

Als Folge der Weihnachtstage gingen im Jänner europaweit die Infektionszahlen hoch. Doch wie konnte Portugal in eine solche Notlage geraten? Immerhin überstand das kleine Land im äußersten Südwesten Europas die erste Corona-Welle relativ gut. Das lag nicht nur an der Randlage mit nur einem Nachbarstaat. Lissabon reagierte auch viel früher als die meisten anderen Hauptstädte auf die erste Welle. Die Horrorszenarien aus dem Nachbarland Spanien wurden sehr ernst genommen.

Womöglich vertrauten die Portugiesen zu sehr darauf, dass sie auch die neue Welle nur streifen würde. Weihnachten wurden die meisten Covid-Einschränkungen gelockert. Familien und Freunde trafen sich ohne Einschränkungen. Bars, Restaurants und Geschäfte waren geöffnet. "Ein Fehler", wie Regierungschef Antonio Costa nun eingesteht.

Gleichzeitig kamen viele portugiesische Migranten aus Großbritannien für die Festtage zurück. PCR-Tests waren für die Einreise nicht notwendig. So macht die vermutlich ansteckendere Sars-CoV-2-Variante aus Großbritannien bereits ein Drittel aller Neuinfektionen in Portugal aus. Im Ballungsraum Lissabon ist es sogar die Hälfte. Ministerpräsident Costa stimmte seine Landsleute auf "sehr harte Wochen" ein.

Um die rasant steigende Pandemie zu stoppen, riegelte sich das Land am Sonntag ab. Zwei Wochen lang sind Ein- und Ausreisen ohne triftigen Grund verboten. Selbst die Landgrenze zu Spanien ist zu. Bis Mitte Februar gelten strikteste Lockdown-Regeln.