Nach dem Ende der Pandemie, wenn die Masken eingemottet sind und Social Distancing der Vergangenheit angehört, wird die Welt eine andere sein: Die Rolle des Staates, Globalisierung, das Machtgleichgewicht der Imperien - nichts wird in der postpandemischen Welt sein wie zuvor.

Die letzte große Pandemie war die Spanische Grippe, die von 1918 bis 1920 bis zu 50 Millionen Menschenleben forderte. Jetzt, wo die ersten Hoffnungen auf ein Ende der Pandemie aufkeimen, tauchen die ersten Gedanken auf, wie es nach der Pandemie weitergehen könnte. Das angesehene US-Wirtschaftsmagazin "Bloomberg Businessweek" stellte unlängst die Frage in den Raum: "Wenn wir das Virus erst hinter uns gelassen haben, werden wir dann Roaring 2020s haben, so wie wir einst die Roaring 1920s hatten?"

In den Goldenen 20er Jahren, "im Jahrzehnt zwischen Revolution und Wirtschaftskrise scheinen sich die sozialen Probleme und die kulturellen Möglichkeiten der Moderne zu verdichten. Innerhalb weniger Jahre wurden diverse Optionen sozialer und politischer Ordnung durchgespielt, die an die Stelle der im Ersten Weltkrieg untergegangenen Monarchien treten sollten: vom autoritären Führerstaat bis zur Anarchie, von völkischen Gemeinschaftsideologien bis zum Kommunismus", schreibt der Historiker Jens Wietschorke im im Jahr 2020 erschienenen Buch "1920er Jahre".

Aber was in aller Welt könnten die 2020er mit der Welt von vor 100 Jahren gemeinsam haben - außer einer globalen Pandemie zu Beginn der Dekade? Einerseits waren die 20er Jahre das Jahrzehnt nach dem bis dahin größten Krieg der Weltgeschichte, in dem ein zerstörtes Europa gesellschaftlich wie ökonomisch darniederlag, in dem zarte Versuche, so etwas wie rechtsstaatliche Demokratien zu etablieren, eine kürzere Halbwertszeit hatten als ein Covid-19-Impfstoff bei Zimmertemperatur; andererseits die beginnenden 2020er, in denen Mitteleuropa nicht nur auf bald acht Jahrzehnte Frieden zurückblickt, sondern auch auf stabiles ökonomisches Wachstum, weit verbreiteten Wohlstand und gewachsene demokratische Strukturen.

"Vergleichen ist gut, wenn man es nicht mit Gleichsetzen verwechselt", sagt der Politikwissenschafter Anton Pelinka. Die politische Ausgangslage sei eine völlig andere, die Unterschiede auf vielen Ebenen gewaltig.

Keynes ist wieder in Mode

Im Gegensatz zum zumindest selektiven Aufschwung der 1920er-Jahre ist von den frühen 2020ern zudem kein ökonomischer Aufschwung zu erwarten - im Gegenteil. Auch Österreich steckt mitten in einer Rezession, die sich je nach weiterem Verlauf der Pandemie auch noch zu einer tieferen Wirtschaftskrise auswachsen könnte. Die Pandemie dürfte zudem ein Treiber für das noch stärkere Aufgehen der berühmten sozialen Schere sein. Pelinka verweist dabei auf das Revival des schon totgesagten John Maynard Keynes. Die "Lockerheit" mit der sich Regierungen aktuell verschulden, mit der "auch der österreichische Bundeskanzler, der vor zwei Jahren noch ein Nulldefizit versprochen hat, jetzt sagt: Koste es, was es wolle", sei bemerkenswert. "Das Schuldenmachen ist von einer Untugend zur Tugend geworden."

Der Ökonom Stephan Schulmeister kritisiert die Art der Geldspritzen, mit denen die Politik versucht, die Wirtschaftskrise in den Griff zu bekommen. "Es ist eine alte Weisheit, dass man in einer Krise das Geld dorthin stecken muss, wo die reale Nachfrage durch diesen Stimulus steigt. Was macht man stattdessen? Man steckt wohlsituierten Hoteliers eine halbe Million Euro zu. Das ist zwar sicher gut für dessen Nerven, wird aber die Wirtschaft in den Tourismusregionen null stützen, weil der Hotelier, der gute Mann, völlig zu Recht, jetzt keine Investitionsprojekte angehen wird." Prognosen für eine Post-Corona-Welt will Schulmeister nicht wagen - er denkt lieber in Szenarien und Möglichkeitsräumen: "Wenn die Pandemie tatsächlich überwunden wird, dann wird natürlich wieder mehr gereist werden, die Menschen werden wieder ins Café gehen, ins Wirtshaus. Aber diese Art von Euphorie, die es 1920 auf den Trümmern einer untergegangenen miefigen Monarchie-Welt, nach dem Ende eines mörderischen Krieges und nach dem Ende der Pandemie gegeben hat, das wird es diesmal nicht geben."

- © WZ-Illustration: IT
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Und da die Welt dieses Mal nicht untergegangen sei, gebe es das nagende Gefühl, "dass da noch etwas passieren könnte. Die Menschen hat das Gefühl ergriffen, dass die, die regieren auch keine so richtige Vorstellung davon haben, wohin die Reise gehen soll. Dass es also allein aus der Überwindung der Pandemie zu einem ganz kräftigen Wirtschaftsaufschwung kommt, würde ich ausschließen." In seinem "Traum-Szenario" sieht Schulmeister die Chance auf eine Umsetzung des European New Green Deal, wo von Vorarlberg bis zum Burgenland Photovoltaikanlagen auf die Dächer und Wärmepumpen in die Keller installiert werden - was zigtausende Arbeitsplätze schaffe, Energieimport-Kosten drastisch reduzieren würde und es Österreich ermöglichen würde, die Klimaziele zu erreichen.

Nullzinsen und die Folgen

Doch die Mobilitätswende würde mit sich bringen, dass Arbeitsplätze in der Automobilindustrie verloren gehen. "Man braucht einfach weniger Arbeiterinnen und Arbeiter, um einen Elektromotor zusammenzubauen, als bei einem Verbrennungsmotor", sagt Philippa Sigl-Glöckner, Direktorin der Denkwerkstatt "Dezernat Zukunft" in Berlin. Gleichzeitig würden im Bildungs- und Sozialbereich Arbeitskräfte gesucht und diesen Arbeitskräften müsse man angemessene Gehälter bezahlen. Für Sigl-Glöckner hat Deutschland ein strukturelles Nachfrage-Problem, weil ganze Berufsgruppen unterbezahlt seien. "Sobald uns die Chinesen die Autos nicht mehr abkaufen, scheppert es im Karton, weil 40 Prozent der Menschen zu wenig Geld haben, um überhaupt vernünftig zu sparen."

Der Chefökonom der Industriellenvereinigung und Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts Economica, Christian Helmenstein, sieht einigermaßen gute Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Neustart nach der Überwindung der Pandemie: "Was die drei monotheistischen Religionen als Zinsverbot über die Jahrhunderte gefordert haben, ist heute Realität. Wir haben aufgrund der digitalen Revolution Nullzinsen auf sichere Anlagen. Das kommt zumindest in dieser Hinsicht paradiesischen Verhältnissen gleich, die zu Investitionen geradezu anspornen. Diese De-facto-Nullzinsen werden auch nicht morgen verschwunden sein - genauso wenig, wie das Internet verschwunden sein wird, denn beides hängt miteinander zusammen." Helmenstein schildert, wie in der Vergangenheit die meisten großen Infrastrukturprojekte - Panamakanal und Eurotunnel als Beispiele - deren Proponenten in den Ruin getrieben haben. "Aber die Menschheit profitiert bis heute immens von diesen Projekten. Jetzt gibt es anders als früher die Chance, dass wir fast keine Finanzierungskosten haben. Das sollten wir nützen, um die Welt grandios besser zu machen - man könnte ganze Landstriche Afrikas über Pipelines mit Trinkwasser versorgen und mit riesigen Fotovoltaikanlagen klimaneutral Strom erzeugen." Und wenn es nicht gelingt, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bekommen? "Dann haben wir eine ähnliche Situation wie nach den Boomjahren der Goldenen Zwanziger, nämlich sehr viele beschäftigungslose Menschen", warnt Helmenstein.

Denn was in den 1920er Jahren so euphorisch begann, endete in tiefster Depression: Faschismus, Weltkrieg, Shoah.

Was passiert dieses Mal, wenn jene, die schnell den Weg aus der Krise finden, die Champagnerkorken knallen lassen, aber die Abgehängten kein Ticket für diese Post-Corona-Welt von Hedonismus und Lebensfreude bekommen?

Generation Corona

Eine zweite Gruppe, für die die Pandemie besonders einschneidende Veränderungen in Lebensstil und Zukunftsperspektiven bedeutet, ist die der Jungen. Schüler und Studierende schmoren seit Monaten im "Distance-Learning", junge Berufstätige arbeiten isoliert im Homeoffice. Wenn sie nicht schon zu den Heerscharen jener gehören, denen die Lockdowns den Arbeitsplatz gekostet haben. Abgeschnitten von der Peergroup, von Verknüpfungen, die das private Umfeld ebenso definieren wie die Netzwerke, die später zum Karriere-Aufzug werden. Die "soziale Karawane", die einen durchs Leben begleitet, sitzt getrennt voneinander in der Social-Distancing-Wüste fest.

Die Orte, an denen neue Verbindungen, aber auch neue Ideen und Perspektiven entstehen, sind geschlossen. Bar. Club. Jugendzentrum. Selbst der Sportverein. Das gerade für Junge so identitätsstiftende Sozialleben leidet. Und mit ihm die jungen Menschen selbst: Psychische Erkrankungen haben in der Pandemie in den unteren Alterskohorten überproportional zugenommen. Wirtschaftskrise und Rekordarbeitslosigkeit verengen den Handlungsspielraum auch langfristig.

Was macht das alles mit der "Generation Corona"? Bricht der bleierne Stand-By-Modus namens Pandemie die jungen Menschen, oder führt er zu einem "Jetzt erst recht!", sobald die "Play"-Taste wieder gedrückt ist? Mündet die Post-Pandemie-Öffnung in einer hedonistischen Ära, um Versäumtes nachzuholen, oder in nachhaltiger Resignation?

"Mit dem Prophetismus einer neuen ‚Roaring Twenties‘-Ära kann ich nicht mit", sagt die Jugendkulturforscherin Beate Großegger vom Institut für Jugendkulturforschung. Nicht zuletzt, weil die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Pandemie noch nicht abschätzbar seien. Zwar habe die "Corona-Generation" eine "einschneidende biografische Erfahrung" durch die Pandemie gemeinsam, die sich massiv auf ihre Zukunft auswirkt. Jugendliche würden aber sehr unterschiedlich auf die Einschnitte reagieren.

Durch wildes (Er-)Leben nach der Krise "nachzuholen", werden vor allem junge Menschen mit "stark hedonistisch-individualistischem Selbstkonzept" versuchen, sagt Großegger. Diese würden vermehrt mit einer Mischung aus Aggression und Selbstmitleid auf den Lockdown reagieren. Das beobachte man besonders "in den klassischen Modernisierungsverlierer-Milieus", aber auch in den studentischen. In allen Gruppen gebe es aber auch Jugendliche, die stark auf ihren eigenen Beitrag abstellten, "damit die Pandemie vielleicht ein bisschen früher endet".

Gerade introvertierte Persönlichkeiten würden oft weniger an den Einschränkungen leiden und sähen darin durchaus auch gewonnene Freiräume, sagt Großegger. "Und dann gibt es noch die, die sagen: Sobald die Situation etwas Überschaubarer wird, kremple ich meine Ärmel auf, denke weniger ans Gemeinwohl, sondern schaue, dass ich meine persönlichen Zukunftschancen absichere." Und wie in allen Altersgruppen würden sich ökonomisch Bessergestellte mit der Bewältigung der Krise im Schnitt leichter tun, meint die Sozialwissenschafterin.

"Endlich durchstarten"

Einer von ihnen ist Michael Jayasekara. Der 28-jährige Wiener kann bereits auf Berufserfahrung in den Bereichen Maschinenbau, Betriebswirtschaft, Politik und Kommunikation zurückblicken. Mitten in der Corona-Pandemie kündigt er nun seinen sicheren Job als Angestellter, um sich selbständig zu machen. Bereich: technischer Umweltschutz. "Ich möchte meinen Teil gegen die größte Herausforderung des Jahrhunderts beitragen, den Klimawandel."

Dass er diesen Schritt in einer Krise wagt, ist für ihn nicht ungewöhnlich. Er verweist auf General Motors, Hewlett Packard und Microsoft, die alle in Krisen gegründet wurden, und nicht zuletzt auf Uber und Airbnb, die in der Wirtschaftskrise 2008 entstanden und alte Technologien durch neue ersetzten. "Unsicherheiten wie die Corona-Krise spornen uns Menschen dazu an, kreativer zu werden, Lösungen zu finden", sagt er. Für ihn selbst galt: "Ich wollte einfach starten und nicht alles zerdenken."

Einfach starten, die neuen digitalen Möglichkeiten nutzen, ausprobieren. Das ist der Dreiklang der unter 30-Jährigen, für die es kein "geht nicht" gibt, die lautstark bei "Fridays for Future" protestieren und weltweite Netzwerke wie die Global Shapers gründen. Um erfolgreich zu sein, sei es wichtig, Interesse in mehreren Bereichen zu haben, sagt Jayasekara. Um andere Sichtweisen zu verstehen, um schnell anknüpfen zu können. "Generalisten werden künftig weniger ersetzbar sein als Experten auf einem Gebiet. Denn spezifische Probleme wird künftig zumeist die Technologie lösen", sagt er.

Auch Jayasekara sieht die Zeit nach dem Coronavirus positiv: "Die Partystimmung wird kommen. Die Menschen werden rausgehen und sich treffen. Daraus entstehen neue Netzwerke, daraus entstehen potenzielle Kunden, daraus entstehen Unternehmensideen. Das wird uns beflügeln."

Die Hauptstadt des Hedonismus

"Es gibt keinen Zweifel, dass - sobald die Pandemie halbwegs im Griff ist - wieder richtig gefeiert wird und so etwas wie ein Nachhol-Hedonismus stattfinden wird", sagt Martina Brunner, eine von vier Proponenten der Vienna Club Commission, die sich als Vernetzungsknotenpunkt der Wiener Clubkultur versteht. Es gebe eine ungeheure Sehnsucht nach dem Club, nach einem Ort, in dem das Zusammensein zelebriert wird, sagt Brunner: "Wo es egal ist, was der Mensch, der neben Dir tanzt, die restlichen 40 Stunden in der Woche macht. In den Club geht man, um gemeinsam zu tanzen, um die Zwanglosigkeit zu genießen und um zu spüren, wie der Bass unter die Haut dringt", sagt Brunner. Wenn es um die Sehnsucht nach Unbeschwertheit und Lebensfreude nach einer Pandemie geht, sind die Parallelen zu den Goldenen 20er Jahren und heute am deutlichsten.

Am sichtbarsten wird das im Mythos Berlin. "Nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs und nach dem Schrecken der Pandemie wollten sich die Menschen ein wenig Dekadenz gönnen. In Deutschland trat das protestantische Ethos in den Hintergrund - im katholischen Österreich war das ohnehin nie so ausgeprägt", sagt Matti Bunzl, Direktor des Wien-Museums. Wien, Paris, New York, Berlin - in den Metropolen genossen die Menschen den Augenblick.

- © WZ-Illustration: IT
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"Was mehr als 1.000 Jahre undenkbar war, wurde 1918 mit einem Schlag abgeschafft: die Herrschaft der Adeligen. Das setzte Unmengen an Energie frei", sagt Berlins Mister Clubkultur, Marc Wohlrabe - unter anderem Direktor der Nachtleben-Konferenz "Stadt nach Acht", Gründer der Clubcommission Berlin, Vorstandsmitglied des deutschen Verbands der Clubs, Festivals und Musikstätten Livekomm. "Es gab einen unglaublichen Willen zur Neugier, zu damals noch ungewöhnlichen Gesellschaftsformen, zu bunter Vielfalt", sagt Wohlrabe. "Das wurde in den 20er angelegt und blieb trotz Nationalsozialismus und biederer 50er Jahre im kollektiven Gedächtnis."

Corona sei nun wie eine riesige Bremse, sehr schlimm für die vielen unabhängigen Künstler in der Stadt, sagt Wohlrabe. Es staue sich gerade sehr viel Energie an, als wäre ein großer Korken in eine ziemlich unter Druck stehende Flasche draufgestopft. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis dieser Korken aus der Flasche rausfliegt. Und alles wie ein riesiger Champagner ungeordnet und wüst heraussprudelt. "Ich glaube daher, dass auch diese 20er Jahre ein wildes, exzessives Jahrzehnt werden." Es gebe zwar noch keine Öffnungspläne. Aber: "Spätestens ab April, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Stadt erwärmen, fliegt der Deckel weg."