Es ist gekommen, wie die meisten Wahlumfragen es vorhersagten: Kataloniens Sozialisten (PSC) gewannen am Sonntag mit 23 Prozent und 33 Sitzen die Wahlen in der spanischen Konfliktregion. Das ist eine Verdoppelung zu dem vergangenen Wahlergebnis 2017.

Trotzdem: Die separatistischen Parteien zusammengenommen erzielten aber eine absolute Mehrheit - in Stimmen wie in Sitzen.

Dennoch gab sich Wahlsieger Salvador Illa (PSC) optimistisch: Unter seiner Regierung werde in Katalonien ein neues Kapitel aufgeschlagen, ein Kapitel der Versöhnung, das die durch den jahrelangen Unabhängigkeitsprozess tief gespaltene Gesellschaft erneut zusammenführen soll. "Katalonien liebt Spanien und Spanien liebt Katalonien", sagte Illa nach seinem Wahlsieg euphorisch in der Parteizentrale in Barcelona.

Illa wird aber trotz seines Wahlsiegs kaum dazu kommen, den Dauerkonflikt mit der nach Unabhängigkeit strebenden Region zu beenden. Aufgrund des Wahlergebnisses sind arithmetisch gesehen drei Parteien notwendig, um mit der absoluten Mehrheit von 68 Sitzen im Regionalparlament eine Regierungskoalition bilden zu können. Der Sozialist spekuliert darauf, die zweitplatzierten Linksrepublikaner (ERC) und die linke En Comú Podem (Zusammen können wir) zu einer Linkskoalition bewegen zu können. Oder dass die Linksrepublikaner zumindest eine Minderheitsregierung mit En Comú Podem akzeptieren.

Auf den ersten Blick ist die Idee nicht so abwegig. In Spanien führen die Sozialisten von Premier Pedro Sánchez zusammen mit der linken Unidas Podemos (Zusammen können wir) bereits eine Minderheitsregierung, die im Madrider Nationalparlament von den katalanischen Linksrepublikanern mitgetragen wird. Das Problem: "Für die Linksrepublikaner ist der ideologische Faktor nicht so wichtig wie der Wunsch nach einem unabhängigen Katalonien", meint der katalanische Politologe Oriol Bartomeus.

Das stellten die Linksrepublikaner bereits vor den Regionalwahlen klar, als sie sich schriftlich mit den drei anderen separatistischen Formationen dazu verpflichteten, nicht den Sozialisten Illa bei der Regierungsbildung zu unterstützen. ERC-Spitzenkandidat Pere Aragonès, der bei den Wahlen am Sonntag mit über 21 Prozent der Stimmen und ebenfalls 33 Sitzen knapp hinter Illa landete, will selber regieren - und zwar bald. In den kommenden Tagen werde er mit den anderen separatistischen Partei und der Linken über eine Koalition verhandeln, dessen Ziel "ein neues Unabhängigkeitsreferendum und Amnestie für die inhaftierten Separatistenführer" sei, erklärte Aragonès am Montag.

Tatsächlich schafften es die separatistischen Formationen erstmals nicht nur eine absolute Mehrheit an Sitzen, sondern auch an Stimmen zu bekommen. Dadurch fühlt sich Aragonès nicht nur legitimiert, trotz Wahlniederlage eine Regierung zu bilden. Er ist auch hoch motiviert. Denn erstmals gelang es seinen Linksrepublikanern aus dem langen Schatten der Wahlallianz Junts per Catalunya (JxCat) zu treten, die man nun als stärkste Partei im Separatistenblock ablöste.

"Sit and talk", sagte er am Sonntagabend auf Englisch in die Fernsehkameras Richtung Madrid. Es sei Zeit für eine unabhängige katalanische Republik, schmetterte er Spaniens sozialistischem Ministerpräsidenten Pedro Sánchez entgegen.

Neuer Dialog wird erwartet

Geht der Frontalkonflikt zwischen Madrid und Barcelona also wie gehabt weiter? Lola García, stellvertretende Chefredakteurin der katalanischen Tageszeitung "La Vanguardia", glaubt das nicht. "Die Linksrepublikaner setzen auf den Dialog, um ein legales Unabhängigkeitsreferendum mit Madrid auszuhandeln, und können nur als stärkste Formation den Ton angeben." Außerdem sitze in Madrid auch nicht mehr die konservative Volkspartei PP an der Macht, die jeglichen Dialog mit den Separatisten blockierte.

Gemeinsam verfügen die Linksrepublikaner, JxCat und die ebenfalls separatistische CUP-Partei über eine komfortable absolute Mehrheit von 74 der 135 Parlamentssitze. Doch von Kompromissen und Dialog mit Madrid halten die nationalkonservativen Separatisten von JxCat um den nach Brüssel geflohenen Carles Puigdemont nicht viel. Sie würden am liebsten sofort die Unabhängigkeit ausrufen. Bereits in der vergangenen Legislaturperiode kam es deshalb auch immer wieder zu Krach und Grabenkämpfen zwischen den Linksrepublikanern.

Und auch die linkspopulistische CUP ist kaum mit Puigdemonts konservativer Formation auf einen Nenner zu bringen.

Theoretisch könnten die Linksrepublikaner auch versuchen, mit der CUP-Partei und En Comú Podem eine Minderheitsregierung zu bilden und sich von Illas Sozialisten tolerieren lassen.(apa)