Pädophilie galt in Frankreich lange als Ausdruck der Freiheit und Sinnbild männlicher Verführungskraft. In den meisten anderen europäischen Ländern ist "einvernehmlicher Sex" eines Erwachsenen mit einem Kind undenkbar - das Schutzalter schiebt dem einen rechtlichen Riegel vor, in Österreich liegt es bei 14 Jahren. In Frankreich wird bei sexuellen Handlungen mit unter 15-Jährigen eine Zustimmung des Kindes als entlastender Faktor berücksichtigt. Es obliegt den Gerichten zu beurteilen, ob der oder die Minderjährige in der Lage gewesen ist, in die sexuelle Beziehung einzuwilligen. Und so wurde beispielsweise ein Erwachsener nach angeblich "einvernehmlichem" Sex mit einer Elfjährigen freigesprochen.

Doch nun will die Regierung in Paris erstmals explizit ein Schutzalter gesetzlich festschreiben. Am Donnerstag berät die Nationalversammlung darüber in erster Lesung. Laut dem Gesetzesantrag soll das Schutzalter 15 Jahre betragen und bei Fällen von Inzest sogar bei 18 Jahren liegen. Auf die "sexuelle Penetration" von Minderjährigen sowie Oralsex sollen demnach künftig 20 Jahre Haft stehen, bei Inzest zwischen Blutsverwandten sogar 30 Jahre.

"Wir hören Euch zu, wir glauben Euch", sagte Präsident Emmanuel Macron. Aber es benötigte einen Aufstand derer, die lange geschwiegen haben, damit die Politik aktiv wurde. Seit Jahresbeginn beherrscht eine zweite #MeToo-Debatte die Schlagzeilen. Dabei steht nicht Missbrauch in der Filmbranche im Mittelpunkt, es geht um Pädophilie, Inzest und sexuelle Gewalt in Familien.

Sittenbild einer Familie

Ins Rollen brachte die Diskussion die Juristin Camille Kouchner, Tochter des Ärzte-ohne-Grenzen-Gründers und früheren Außenministers Bernard Kouchner. Sie erhob schwere Vorwürfe gegen ihren Stiefvater, den bekannten Politikwissenschafter Olivier Duhamel. In ihrem Buch "La Familia grande" (Die große Familie) schildert Camille Kouchner, dass Duhamel ihren Zwillingsbruder im Alter von 14 Jahren sexuell missbraucht hat.

Die Intellektuellen-Familie soll den Mantel des Schweigens über die Taten gedeckt haben. Auch in der Pariser Intelligenzija sollen die Missbrauchsvorwürfe längst bekannt gewesen und über Jahre dezent ignoriert worden sein.

Nach Veröffentlichung von Kouchners Abrechnung begannen zahlreiche Opfer unter dem Schlagwort #MetooInceste, ihre Missbrauchserfahrungen innerhalb ihrer Familien öffentlich zu machen. Sie berichteten von Schuldgefühlen und Machtlosigkeit. Einer Schätzung des Umfrageinstituts Ipsos zufolge, basierend auf einer Befragung, sind zehn Prozent der Bürger Opfer von Inzest gewesen. Die Mehrheit der Opfer sind Frauen. Auch der Schauspieler Richard Berry geriet dabei unter Missbrauchsverdacht.

Der Aufschrei geht über das bisherige Tabuthema Inzest hinaus. Zuletzt berichteten Studentinnen von sexualisierter Gewalt an der Elite-Hochschule Sciences Po. Sie gilt als "Hochschule der Macht" - Macron gehört ebenso zu den Absolventen wie Topmanager. Unter dem Hashtag #SciencesPorcs - ein Wortspiel mit dem französischen Wort für Schwein (porc) - teilen die Opfer ihre Erlebnisse.

Die Studentinnen prangern sexistisches Verhalten und sexuelle Gewalt, einschließlich Vergewaltigung, an. Sie werfen der Universitätsverwaltung vor, die Täter - Studenten oder Professoren - zu schützen. Bisherige Maßnahmen seien offenbar nicht ausreichend gewesen, reagierte nun etwa die Sciences Po in Straßburg. "In der Tat muss das Schweigen gebrochen werden, und diese Tatsachen werden keineswegs auf die leichte Schulter genommen."

Zurücktreten musste mittlerweile Sciences-Po-Direktor Frederic Mion. Er wollte den Skandal um Olivier Duhamel zunächst aussitzen, der nicht nur Professor an der Hochschule war, sondern einst auch sozialistischer EU-Abgeordneter. Mion räumte ein, dass er schon vor Jahren von Vorwürfen gegen den Politologen erfahren hatte. Duhamel ging zwar nicht direkt auf die Vorwürfe ein, legte aber nach deren Bekanntwerden seine Funktionen nieder.

Offener Brief Prominenter

Unterstützung erhalten die Missbrauchsopfer nun auch von Prominenten. "Nachdem die Opfer die Kraft und den Mut gefunden haben, die Augen der Gesellschaft weit zu öffnen, können Sie, die die Gesetze machen, nicht die Einzigen bleiben, die sie teilweise verschließen", heißt es in einem offenen Brief, den etwa Sängerin Carla Bruni, Schauspielerin Juliette Binoche und Fußball-Nationaltrainer Didier Deschamps unterzeichnet haben. Ihnen gehen die Versprechungen der Regierung nicht weit genug. "Wir können uns nicht mit Ihren kleinen Fortschritten zufriedengeben; dafür sind unsere Erwartungen viel zu hoch." (apa/afp/dpa)