Weit mehr als vier Millionen Briten haben sich mit dem Coronavirus infiziert, mehr als 120.000 Menschen sind gestorben. Der Lockdown aber, mit dem die Regierung in London das Geschehen kontrollieren will, soll jetzt schrittweise enden. Immerhin: Die Zahl der Neuinfektionen ist in den letzten Wochen ganz deutlich zurückgegangen. Doch ob der Plan des britischen Kabinetts aufgeht, ist alles andere als gewiss. Experten warnen eindringlich vor unbedachten Lockerungen.

Nach den Worten von Premier Boris Johnson wird es einen "vorsichtigen, aber unwiderrufbaren" Ausstieg geben. Nach etlichen Kehrtwenden ist London jetzt überzeugt, dass der aktuelle Lockdown, der seit dem 5. Jänner in Kraft ist, unbedingt der letzte gewesen sein muss.

Ab Mai wieder in den Pub

Bewohner von Seniorenheimen werden vom 8. März an wieder Besuche eines Verwandten oder Freundes empfangen dürfen. Zum selben Termin werden - so der vierstufige Plan - die Schulen wieder öffnen. Zudem werden Treffen zweier Haushalte im Freien sowie ab dem 29. März Outdoor-Aktivitäten wie Golf oder Tennis möglich sein. Auch Mannschaftssport wie Fußball, Rugby und Hockey soll dann wieder betrieben werden können. "Unsere Priorität ist es immer gewesen, Kinder zurück in die Schule zu bringen, da dies entscheidend für ihre Bildung und ihre mentale und körperliche Gesundheit ist", erklärte Johnson. "Wir werden außerdem Wege schaffen, auf denen Menschen sich sicher mit ihren Lieben treffen können."

Hier die aktuellen Covid-19-Infektionszahlen von Österreich und Großbritannien im Vergleich

Im Bereich Einzelhandel und Gastronomie soll es bis zum April dauern, bis es zu den ersehnten Lockerungen kommt. Dann dürfen auch Frisöre wieder öffnen. In den Pub hinein darf man unter Umständen ab Mai. Alle weiteren Maßnahmen sollen abhängig sein vom erfolgreichen Fortschritt der Impfungen, von einer überschaubaren Infektionslage sowie davon, dass sich gefährliche Corona-Mutationen nicht weiter ausbreiten. Ab Juni, so die große Hoffnung, sollen dann fast alle Restriktionen gefallen sein.

Da Gesundheit Aufgabe der Regionalregierungen ist, kann Johnson nur für England entscheiden. Schottland, Wales und Nordirland legen ihre Corona-Maßnahmen eigenständig fest. So hat Schottland am Montag mit der schrittweisen Öffnung der Schulen begonnen. Auch in Wales sind die Jüngsten erstmals seit neun Wochen wieder in die Schule gegangen.

Großbritannien ist eines der am schwersten von der Pandemie getroffenen Länder Europas. Die Regierung setzt auf Massenimpfungen. Bisher haben landesweit mehr als 17 Millionen Einwohner eine erste Dosis erhalten - jeder dritte Erwachsene. Damit ist das Königreich europaweite Spitze. Bis Ende Juli soll es ein Impfangebot an alle Bürger geben.

Die Infektionslage hat sich in Großbritannien in den vergangenen Wochen deutlich verbessert, bleibt aber auf recht hohem Niveau. Am Sonntag wurden 9.834 neue Fälle gemeldet. Die Kurve der Neuinfektionen sinkt seit Anfang Jänner recht kontinuierlich. Zuletzt zählte das Land in den vergangenen sieben Tagen 124 neue Fälle pro 100.000 Einwohner.

Impfskepsis bei Minderheiten

Der Statistiker David Spiegelhalter von der Universität Cambridge, der auch zum wissenschaftlichen Beratergremium der Regierung gehört, betonte, es sei wichtig, zwischen Lockerungsschritten ausreichend Zeit vergehen zu lassen, um die Auswirkungen auf die Infektionslage erkennen zu können. "Die Dinge können sich ändern, und wir haben gesehen, dass sie sich sehr schnell ändern können, und das ist sehr beunruhigend", sagte Spiegelhalter dem "Times Radio".

Die Behörden kämpfen unterdessen mit dem Problem, dass die Impfbereitschaft bei ethnischen Minderheiten gering ist. Das beunruhigt die Regierung: "Wenn eine Gruppe nicht geimpft ist, wird das Virus sie aufspüren und wie ein Flächenbrand wüten", warnte der zuständige Staatssekretär Nadhim Zahawi. Ein Grund für die Zurückhaltung, so glauben Regierungsberater, liegt in sozialen Netzwerken. Von einer "Pandemie der Desinformation" sprach der Leiter des nationalen Gesundheitsdienstes NHS, Steven Simons. Über Messenger-Dienste werden Verschwörungstheorien verbreitet.

Beengte Räume, riskante Jobs

Gerade bei sozial Schwachen - und zu diesen gehören viele Schwarze, Asiaten und Mitglieder anderer Minderheiten - bleiben solche Botschaften hängen. "Es gibt viel Misstrauen gegen die Impfstoffe bei Schwarzen", bestätigt etwa der Mediziner Azeem Majeed vom Imperial College London im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. So würden im Londoner Stadtteil Croydon viele schwarze Patienten eine Impfung ablehnen.

Auch der Hausärzteverband ist besorgt über die verhältnismäßig geringe Beteiligung - und Bereitschaft - von Minderheiten. Majeed betont: "Das ist ein großes Problem, zumal Mitglieder dieser Gemeinschaften ein höheres Risiko haben, an Covid zu sterben." Das liegt am Misstrauen gegenüber staatlichen Stellen - und ebenfalls an schwierigen sozialen Verhältnissen.

Studien haben gezeigt, dass für Pakistanis und Bangladescher in Großbritannien ein "alarmierend" höheres Risiko besteht, an oder mit Covid-19 zu sterben. Denn die Menschen aus diesen Staaten lebten häufiger in benachteiligten Gebieten und in großen Haushalten mit mehreren Generationen. In den beengten Räumen kann sich das Virus stärker ausbreiten. Außerdem arbeiten die Menschen weitaus häufiger in Berufen, bei denen ein höheres Corona-Risiko besteht - beispielsweise als Taxifahrer oder Ladenbesitzer.(red)