Andrij hat es überstanden. Der Mann aus dem westukrainischen Lemberg hatte Glück: Ein Kratzen im Hals, Husten - mehr war da nicht. Bis auf den völligen Verlust des Geruchssinns. "Man hätte mir mit Nagellack in die Nase fahren können - ich hätte es nicht gerochen", sagt der 55-Jährige zur "Wiener Zeitung". Nach ein paar Tagen war alles vorbei. "Wo ich mich angesteckt habe, weiß ich nicht. An sich habe ich immer sehr aufgepasst", erzählt Andrij.

Aber die Chancen, am Coronavirus zu erkranken, sind in der Westukraine noch höher als im Rest des ohnedies schwer getroffenen Landes: Die Karpatenregion an der Grenze zu Polen, Ungarn und der Slowakei gilt als Corona-Krisengebiet. Sie weist innerhalb der Ukraine die höchsten Infektionszahlen auf, viele Krankenhäuser platzen aus allen Nähten. In Bohorodtschany im Gebiet Iwano-Frankiwsk mussten jüngst mitten im Winter beheizte Zelte mit 120 Betten zur Behandlung aufgestellt werden. Laut offiziellen Zahlen haben sich in dem 41,5 Millionen-Einwohner-Land bisher mehr als 1,2 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert, es gab mehr als 23.000 Tote.

Die offiziellen Statistiken sind in der Ukraine freilich nur bedingt glaubhaft. So fehlten lange die Kapazitäten für Tests, viele Kranke suchen auch bei Infektionen keine Spitäler auf, weil sie zusätzliche Kosten fürchten. Namhafte Ärzte sprechen davon, dass die wirklichen Zahlen fünfmal so hoch seien wie offiziell angegeben. Ein Indikator: die Sterblichkeitsrate. Sie ist im November 2020 im Vergleich zum Vorjahr um ganze 35 Prozent gestiegen. Außerdem haben Tests vom Jänner ergeben, dass bereits mehr als die Hälfte der Ukrainer - je nach Region 44 bis 60 Prozent - Corona-Antikörper haben sollen und damit die Krankheit hinter sich. Damit würde sich das Land möglicherweise bald einer Herdenimmunität annähern.

Slowakei: Strategie gescheitert

Doch nicht nur die Ukraine, auch die EU hat ein Problem mit einer erhöhten Sterblichkeitsrate. Laut der EU-Statistikbehörde Eurostat war die Übersterblichkeit in der Union zwischen März und November hoch, es gab 450.000 Todesfälle mehr als im Durchschnitt desselben Zeitraums von 2016 bis 2019. Besonders bei den osteuropäischen Staaten zeigt sich oft ein Missverhältnis zwischen der offiziellen Zahl an Infizierten und der Zahl der Gestorbenen, was auf geringere Testkapazitäten und schwächere Gesundheitssysteme schließen lässt.

In der Slowakei etwa liegt die Übersterblichkeit bei mehr als 50 Prozent. Die Zahl der Infizierten schießt nach oben, die ansteckendere britische Variante des Virus hat sich hier weitgehend durchgesetzt - das trifft jetzt offenbar auch auf das angrenzende Burgenland zu. Die Situation in den slowakischen Spitälern hat sich derart dramatisch zugespitzt, dass Bratislava am vergangenen Mittwoch die EU zu Hilfe gerufen hat. Das österreichische Bundesheer hat zugesagt, Ärzte und Krankenpfleger zu schicken.

Die Wahrheit ist bitter, vor allem für die Regierung: Die Massentest-Strategie, auf die man in Bratislava einst so stolz war, ist gescheitert. Die Regierung unter Premier Igor Matovic hat im November damit begonnen, möglichst die gesamte Bevölkerung mit Antigen-Tests zu erfassen. Sie wollte mit dem groß inszenierten nationalen Kraftakt die Pandemie im eigenen Land stoppen. Fachleute warnten vor der Aktion und hielten sie für reine Ressourcenverschwendung. Matovic setzte seinen Willen durch.

Die Kritiker haben recht behalten; mittlerweile steht die Corona-Ampel wieder auf Rot, die Grenzen sind weitgehend zu. Schulen müssen zum Teil schließen, die Berufstätigen sich alle sieben Tage testen lassen. Wirklich schlimm aber ist, dass die Behörden den Überblick über das Infektionsgeschehen verloren haben. Klar ist, dass viele an Corona sterben. Unklar ist, wie viele Menschen mit Covid im Krankenhaus landen und wie viele wieder entlassen werden. Die exakte Altersstruktur der Patienten ist ebenso unbekannt wie die Struktur der durchgeführten Tests. Krankenhaus-Direktoren wundern sich über Zahlen des Gesundheitsministeriums, die offensichtlich mit der Realität wenig zu tun haben - teilweise viel zu hoch, oft zu tief gegriffen sind.

Die Analytiker, die das Infektionsgeschehen beschreiben, Prognosen erstellen und Maßnahmen vorschlagen sollen, wissen nicht, wo sich die Menschen gehäuft infizieren. Die slowakische Staatspräsidentin Zuzana Caputova, eine Liberale, die aus der Öko-Bewegung kommt und die Matovic kritisch gegenübersteht , hält gerade die massenhaften Antigen-Tests für die Misere mitverantwortlich. Die Menschen hätten ein blaues "Negativ"-Zertifikat in die Hand bekommen, sich gesund gewähnt, alle Vorsicht fahren lassen, und der Ansteckungsreigen habe sich immer schneller zu drehen begonnen. Dazu kommt, dass die Messgenauigkeit der Antigen-Tests in der Slowakei wie überall limitiert ist. Matovic selbst verzichtet derzeit weitgehend auf öffentliche Auftritte, weist jede Verantwortung von sich und sieht die Schuld ausschließlich im neuen, mutierten, britischen Virus.

Polen: Dramatischer November

Auch in Polen werden die ansteckenderen Varianten als Grund für die beschleunigte Ausbreitung der Pandemie genannt. Neben der britischen ist dort mittlerweile ebenso die südafrikanische Mutation bestätigt. Nun sollen verschärfte Regeln zur Bedeckung von Mund und Nase gelten: Gesichtsvisier oder Schal sollen nicht mehr ausreichen dürfen. Restriktiver werden ebenso die Quarantäneregeln für Einreisende.

Polen kommt nach Berechnungen der Johns Hopkins Universität bei der Zahl der Infektionen in der EU an fünfter Stelle - nach Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland. Mehr als 1,6 Millionen Polen haben sich mit dem Coronavirus angesteckt; die Zahl der Toten übersteigt 42.000.


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Die Eurostat-Angaben zur Übersterblichkeit sind dramatisch. Im November lag die Rate bei 97,2 Prozent - so hoch war sie in keinem anderen EU-Land. Mehr noch: Kein einziger Staat verzeichnete in irgendeinem Monat der Pandemie einen derartigen Anstieg. Selbst in Spanien und Italien, die im Frühling des Vorjahres am härtesten getroffen waren, waren die Zahlen niedriger. Im November gab es neben Polen nur zwei Länder, in denen die Übersterblichkeit höher als bei 90 Prozent lag: Bulgarien und Slowenien. Im Dezember drehte sich die Reihenfolge der drei Länder um: Während in Polen die Übersterblichkeit bei 49,4 Prozent lag, betrug sie in Slowenien und Bulgarien mehr als 75 Prozent. Insgesamt starben in Polen im Vorjahr 486.000 Menschen. Das sind 82.000 Todesfälle mehr als im Schnitt der Jahre 2016 bis 2019.

Minister: Dritte Welle kommt

Allerdings sind sie nicht alle direkt mit dem Coronavirus verbunden. Durch die Umstellungen im Gesundheitssystem, das sich massiv auf die Behandlung von Covid-19-Patienten vorbereitete, konnten sich die Diagnostik und medizinische Hilfe in anderen Fällen verzögern. Und schon in den ersten Monaten der Pandemie warnten Ärzte davor, dass Menschen sterben, weil sie aus Angst vor einer Ansteckung nicht zum Arzt gehen oder keinen Krankenwagen rufen.

Anfang des Jahres zeigte sich Polens Gesundheitsminister Adam Niedzielski "besorgt" über die Sterberaten. Vor wenigen Tagen warnte er vor einer dritten Corona-Welle, die Ende März oder Anfang April ihren Höhepunkt erreichen könnte. Erst vor gut zwei Wochen ließ die Regierung aber auch Hotels und Skigebiete wieder öffnen - was prompt zu einem Touristenansturm etwa auf Zakopane führte.