Australiens Regierung hat auf den Lieferstopp von Corona-Impfstoff aus der EU enttäuscht, aber auch mit Verständnis reagiert. Premier Scott Morrison sagte am Freitag nach einer Kabinettssitzung, er verstehe die Gründe, warum Italien als zuständiges EU-Land die Ausfuhr von 250.000 Dosen des Herstellers AstraZeneca gestoppt habe.

"In Italien sterben täglich etwa 300 Menschen am Tag", erklärte er Medien zufolge vor Reportern. "Sie befinden sich in einer unkontrollierten Krisensituation. Das ist in Australien nicht der Fall."

Ungeachtet dessen rief Australien die EU-Kommission an, die Entscheidung noch einmal zu überdenken, wie Gesundheitsminister Greg Hunt vor Journalisten sagte. Die heimische Impfkampagne werde durch den Wegfall der 250.000 Dosen aber nicht beeinträchtigt.

Italien hatte EU-Kreisen zufolge die Lieferung dieser 250.000 Dosen Impfstoff von AstraZeneca an Australien verhindert - und damit erstmals die Ausfuhr von Corona-Impfstoff aus der EU in einen Drittstaat gestoppt. Ende Jänner hatte die EU Exportkontrollen für Corona-Impfstoff gestartet.

Im Visier sind Hersteller, die ihre EU-Lieferpflichten nicht erfüllen. AstraZeneca hält die ursprünglich zugesagte Liefermenge an die EU im ersten Quartal nicht ein, was für großen Unmut gesorgt hat. Zuständig für die Ausfuhrgenehmigungen ist der EU-Mitgliedstaat, in dem die für den Export vorgesehenen Impfstoffe produziert wurden.

"Das Ganze ist kein feindseliger Akt Italiens gegen Australien", schrieb Außenminister Luigi Di Maio am Donnerstagabend auf Facebook. Das Verbot sei Teil einer am 30. Jänner in Europa beschlossenen Export-Kontrollregelung.

Die Verzögerungen bei der Verteilung der Impfstoffe in der Europäischen Union (EU) seien "nicht akzeptabel", unterstrich Di Maio. "Und wir erwarten, dass sich die von uns bezogene Position positiv auf die europäische Impfkampagne auswirkt."

Australien hat seit Beginn der Pandemie wegen extrem strikter Maßnahmen und drastischer Grenzschließungen nur rund 29 000 Coronavirus-Fälle verzeichnet - eine deutlich niedrigere Pro-Kopf-Rate als in den meisten Industrieländern. Die Zahl der Todesfälle liegt derzeit bei 909. In dem Land leben rund 25 Millionen Menschen.

Finanzminister Simon Birmingham sagte Sender Sky News, die Welt befinde sich derzeit in einem ziemlich unerforschtem Gebiet. Da sei es wenig überraschend, "dass einige Länder das Regelbuch zerreißen werden".

Frankreich begrüßt den europäischen Lieferstopp von Corona-Impfstoff für Australien. "Das zeigt, dass wir als Europäer fähig sind, nicht naiv zu sein und unsere Interessen zu verteidigen", sagte Europa-Staatssekretär Clément Beaune am Freitag im Sender RTL France.

Italien habe richtig gehandelt, die Lieferung zu verhindern. Es habe sich um viele Impfstoffdosen gehandelt, und in Australien sei der Bedarf weniger dringend als in Europa. "Wir blockieren. Und wir behalten ihn", sagte der Vertraute von Staatschef Emmanuel Macron mit Blick auf den Impfstoff.

In Deutschland hat es Gesundheitsminister Jens Spahn zufolge bis jetzt noch keinen Anlass gegeben, über Exportbeschränkungen für Corona-Impfstoffe nachzudenken. Er habe noch keine Gelegenheit gehabt, mit seinem Kollegen in Italien über das dort verhängte Verbot von einem Export des AstraZeneca-Impfstoffs nach Australien zu sprechen, sagte der CDU-Politiker am Freitag in Berlin. Er verwies darauf, dass in Deutschland zudem AstraZeneca seinen Impfstoff bisher nicht produziere, sondern das Vakzin nur abgefüllt werde.

Spahn betonte, dass er aber auf jeden Fall ein europäisches Vorgehen und keinen nationalen Alleingang anstreben würde. Die eingeführten Exportkontrollen sollten vor allem Transparenz schaffen, wohin die in der EU produzierten Impfstoff-Mengen gingen, betonte Spahn.