"Lebensmittel Bildung. Was wir in unbeständigen Zeiten brauchen" lautet das Thema des heurigen Symposions Dürnstein, das coronabedingt diesmal in der Minoritenkirche Krems stattfindet. Gastredner war der renommierte Historiker Timothy Snyder von der Yale University, der zum Thema "Education for Europe" referierte - und diskutierte.

Er kritisierte in Krems vor dem virtuell zugeschalteten Publikum, dass in der europäischen Geschichtsschreibung dem Nationalstaat eine Bedeutung beigemessen werde, die dieser gar nicht habe. Denn: "Das Phänomen Nationalstaat ist in der modernen europäischen Geschichte kaum auffindbar", so Snyder, "es ist auch nicht besonders wichtig".

Empires, keine Staaten

Frankreich, Großbritannien, Spanien seien die längste Zeit Empires, keine Staaten gewesen. Und dann seien sie eben in der Europäischen Union aufgegangen. Snyder zählt auch die von den Habsburgern über Jahrhunderte beherrschten Territorien dazu. Die klassischen Nationalstaaten in Europa hätten nur rund 20 Jahre Bestand gehabt, 1941 hätten sie dann alle aufgehört, zu existieren. Die längste Nationalstaats-Tradition finde man nicht in Westeuropa, sondern am Balkan, Griechenland und Serbien etwa.

Die These, dass die Europäische Union als Antwort auf die Leiden des Zweiten Weltkriegs entstanden sei, verweist Snyder ebenfalls in das Reich der Fabel. Enorm gelitten habe etwa die UdSSR, doch das hielt die Mächtigen in Moskau nicht davon ab, 1956 gewaltsam in Ungarn, 1968 in die CSSR und 1979 schließlich in Afghanistan einzumarschieren. Am meisten hätten im Zweiten Weltkrieg die Juden gelitten, wobei Israel nicht den Friedensgedanken als fundamentale Basis habe.

Ein Mann wird uf den Schultern getragen und hält die Arme lachend in der Höhe. - © APA / AFP / Renate Apostel
12. Juni 1994: Vizekanzler Erhard Busek jubelt, nachdem eine Mehrheit der Österreicher in einer Abstimmung für den EU-Beitritt gestimmt hat.  Der Historiker Timothy Snyder meint allerdings, dass die meisten Staaten irgendwann vergessen, warum sie beigetreten sind. - © APA / AFP / Renate Apostel

Die Niederlande haben nach 1945 Krieg in Indonesien geführt, Frankreich in Südost-Asien, im Vietnam und dann in Algerien. Die europäischen Mächte, so Snyder, hätten gekämpft, bis sie verloren hätten. Dann habe sich die Frage gestellt, was nach dem Empire komme.

Auch der Zweite Weltkrieg ist für Synder in erster Linie ein Kolonialkrieg, Hitlers Ziel sei es in erster Linie gewesen, die Ukraine zu erobern, Weißrussland und den Westen Russlands und dort Deutsche anzusiedeln. Dieser Kolonialkrieg ist für Deutschland verloren gegangen.

EU als Ersatz für die Großmacht, die nicht mehr möglich ist

Die Lehre, die nun gezogen wurde, sei die gewesen, dass das Konzept "Empire" nicht mehr möglich ist, so Snyder. Man habe daher die heutige EU als Substitut für die verloren gegangene Großmacht-Option gegründet. Die Union habe die Aufgabe, den Scherbenhaufen, den die Empires hinterlassen hätten, aufzuräumen. Als die osteuropäischen Länder 1989 aus dem Sowjet-Imperium kippten, wären sie vor dem gleichen Problem gestanden. Hier habe sich das europäische Einigungsprojekt ebenfalls als einzige mögliche Konsequenz ergeben. Doch: "Sobald ein Land der EU beitritt, vergisst es den Grund dafür", so Snyder.

Wobei Großbritannien im Rahmen des Brexit eine Rückkehr zu einer angeblich großartigen nationalen Vergangenheit beschwöre, die es nie gegeben habe. Jedenfalls würden die Länder, kaum Mitglied in der EU, ihre imperiale Vergangenheit vergessen. Wobei die EU in dieser generellen Entwicklung keine Antithese zu den USA sei. Die Vereinigten Staaten wären in punkto verlorene Kriege lediglich 40 Jahre hinten nach, so Snyder.