Österreich trotzt dem europäischen Trend und wird weiter mit dem umstrittenen Vakzin von AstraZeneca impfen. Eine entsprechende vorläufige Empfehlung sprach am Montagabend das nationale Impfgremium aus. "Wir wissen, dass wir mit dem Impfstoff Todesfälle und bleibende Schäden verhindern können", sagte Maria Paulke-Korinek als Teil des Impfgremiums im ZiB2-Interview unter anderem. Es gebe keinen Grund, die anstehenden Impfungen abzusagen. Der Impfstoff habe ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis. "Es sei wichtig eine evidenzbasierte Entscheidung zu treffen."

Das nationale Impfgremium habe nur die österreichischen Daten zur Verfügung. Die EMA sammle und evaluiere alle europäischen Daten. Daher sei es "wirklich notwendig", auf diese Informationen zu erwarten. Für Mittwoch, spätestens Donnerstag sei eine Stellungnahme der EMA zu erwarten. Daher könne man keine "abschließende Empfehlung" abgeben, heißt es in einer Aussendung des Gremiums, das Montagabend nach dem Impfstopp unter anderem in Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien tagte.

Die bis jetzt eingelangten Meldungen vermuteter Nebenwirkungen diverser europäischer Länder seien derzeit noch inkomplett und schwer vergleichbar, sodass sich keine zusammenfassende Aussage oder eindeutigen Schlüsse tätigen ließen, schreibt das Gremium. Am Dienstag würden jedoch neue Daten der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA vorgelegt, die als Entscheidungsgrundlage für das weitere Prozedere dienen sollten. Das Impfgremium wird daher am Dienstag wieder debattieren.

Anschober für "gemeinsames gesamteuropäisches Vorgehen"

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) fordert eine "raschestmögliche, klare Stellungnahme von den europäischen Behörden für ein gemeinsames gesamteuropäisches Vorgehen". Es brauche jetzt eine klare Entscheidung und Empfehlung der EMA für die Mitgliedsstaaten, betonte Anschober, der sich gegen nationale Einzelgänge aussprach. "Von der EMA stammt die Prüfung der Marktzulassung der Corona-Schutzimpfung durch AstraZeneca. Hier bündelt sich das Detailwissen über die Impfstoffe. Bei der EMA laufen alle Informationen über Nebenwirkungen zusammen", sagte Anschober. Daher brauche es jetzt eine klare Entscheidung und Empfehlung der Europäischen Arzneimittel-Agentur.

"Wir haben uns bei den Impfungen auf ein gemeinsames europäisches Vorgehen geeinigt. Nationale Einzelgänge sind in diesem Zusammenhang weder effektiv noch vertrauensbildend", sagte der Ressortchef. "Wenn derart weitreichende Entscheidungen getroffen werden, müssen diese durch fundierte Daten und Fakten eindeutig belegt sein und am besten durch die dafür zuständige EMA empfohlen werden." Derzeit gebe es laut Anschober keinen Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Impfstoff von AstraZeneca und den aktuell diskutierten gesundheitlichen Ereignissen, "die auch bei ungeimpften Personen auftreten können". Eine gemeinsame Sitzung des Nationalen Impfgremiums (NIG), des Safety Boards im NIG und des Bundesamtes für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) tagte am Montagabend zu diesem Thema.

FPÖ-Bundesparteiobmann Norbert Hofer forderte unterdessen erneut den "sofortigen Stopp" der AstraZeneca-Impfungen. Nach den "immer häufiger auftretenden Komplikationen" müsse Österreich nachziehen.

Nach Berlin ziehen heute auch Rom, Paris, Ljubljana und Madrid nach

Am Montag war kein guter Tag für das Image von AstraZeneca. Zuerst machte Deutschland den Anfang und setzte die Impfung gegen das Coronavirus mit dem Impfstoff von AstraZeneca aus.

Dann zogen Italien und Frankreich am Nachmittag nach. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärte, die Aussetzung erfolge nun jedenfalls bis Dienstag Mittag - dann steht nämlich eine neue Entscheidung der Europäische Arzneimittelbehörde EMA an. Auch Italien und Deutschland verwiesen auf das Abwarten auf den EMA-Entscheid.

Auch Spanien, Slowenien und Portugal entschieden sich für ein Aussetzen: Der Impfstoff werde bis zur endgültigen Entscheidung der EMA vorläufig nicht mehr eingesetzt, sagte der slowenische Gesundheitsminister Janez Poklukar. Spanien will seine Impfkampagne mit den Dosen von AstraZeneca "für mindestens zwei Wochen" unterbrechen, sagte Gesundheitsministerin Carolina Darias. Die Direktorin der Gesundheitsbehörde DGS, Graca Freitas, sagte am Montagabend zwar vor der Presse, in ihrem Land habe es keinen bekannten Thrombose-Fall gegeben, wie er bei dem Impfstoff geprüft werde. Trotzdem werde auch Portugal Impfungen mit dem Wirkstoff von AstraZeneca zunächst aussetzen.

Nach Berichten über Komplikationen durch Blutgerinnsel nach der Impfung hatten zuvor die Niederlande, Irland, Dänemark, Norwegen und Island den Einsatz vorübergehend ausgesetzt. Italien und Österreich stoppten die Verwendung von bestimmten Chargen.

AstraZeneca ist zuletzt in Verruf gekommen, weil es zu Thrombosen in Hirnvenen führen könnte.  Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA werde entscheiden, "ob und wie sich die neuen Erkenntnisse auf die Zulassung des Impfstoffes auswirken", hieß es aus Berlin.

In letzter Sekunde dürfte aber die Vorsicht und die Angst vor Klagen die Überhand gewonnen haben. Denn nur Stunden davor hatte man am Montag in Deutschland (und Großbritannien) noch erklärt, man würde weiter am Einsatz von AstraZeneca festhalten. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte ebenfalls bereits erklärt, dass es eben keine auffällige Häufung von Thrombosen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung gebe.

AstraZeneca wehrte sich gegen den Verdacht in einer Pressemitteilung. "Basierend auf der Anzahl der gemeldeten Ereignisse bis zum 8. März wurden in der EU und in Großbritannien bislang 15 Fälle von tiefen Venenthrombosen und 22 Fälle von Lungenembolie bei mit dem Impfstoff behandelten Personen gemeldet", schreibt AstraZeneca. Und:  "Diese Zahl ist viel geringer als in einer ungeimpften Population dieser Größenordnung zu erwarten wäre und ist ähnlich wie bei anderen zugelassenen Covid-19-Impfstoffen."

Dass Thrombosen mit oder ohne AstraZeneca vorkommen, damit argumentieren auch die Kritiker der Entscheidung des Impfstopps.

"Erstimpfungen mit AstraZeneca wären Lebensretter"


Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält es aber für falsch, dass nun auch in Deutschland die Impfungen  ausgesetzt werden. "Die Prüfung ohne Aussetzung der Impfung wäre wegen der Seltenheit der Komplikation besser gewesen. In der jetzt Fahrt aufnehmenden 3. Welle wären die Erstimpfungen mit dem AstraZeneca Impfstoff Lebensretter", twitterte Lauterbach.

Zuvor hatten einige europäische Länder wie die Niederlande, Irland oder Dänemark Impfungen mit dem Mittel von AstraZeneca vorerst ausgesetzt. In Dänemark und Norwegen waren einzelne Fälle bekanntgeworden, in denen schwere Blutgerinnsel nach der Verabreichung des Impfstoffs auftraten. In Großbritannien wurden bisher keine Fälle schwerer Nebenwirkungen bekannt.

In Österreich war eine 49-jährige Krankenschwester des Landesklinikums Zwettl in Folge schwerer Gerinnungsstörungen gestorben, eine 35-jährige Kollegin entwickelte eine Lungenembolie, befand sich zuletzt jedoch auf dem Weg der Besserung. Bei diesen beiden Fällen in Niederösterreich hatten die betroffenen Frauen zuvor Impfungen aus derselben Charge des AstraZeneca-Impfstoffes erhalten

Die Vorteile des AstraZeneca-Impfstoffs überwiegen laut dem polnischen Gesundheitsminister zufolge die Risiken. "Derzeit gehen wir weiter davon aus, dass die Vorteile bezüglich eines höheren Schutzes der Bevölkerung die Risiken überwiegen", sagt Adam Niedzielski.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) prüft Berichte im Zusammenhang mit der Sicherheit des Impfstoffs von AstraZeneca. Bislang lägen keine Hinweise darauf vor, dass es eine Verbindung zwischen dem Vakzin und gesundheitlichen Beeinträchtigungen gebe, teilt WHO-Sprecher Christian Lindmeier in einer Erklärung an Reuters mit. "Es ist wichtig, dass die Impfkampagnen fortgesetzt werden, um Leben zu retten." Es sei normal bei so großangelegten Impfkampagnen, dass Länder auf unerwünschte Nebenwirkungen hinwiesen. Dies bedeute aber nicht, dass sie auch tatsächlich durch den Impfstoff verursacht wurden. Sobald die WHO umfassende Erkenntnisse habe, werde die Öffentlichkeit ebenso darüber informiert wie über - derzeit eher unwahrscheinliche - Änderungen an den derzeitigen Empfehlungen. (reuters, apa)