Schlussendlich ist sogar Boris Johnson höchstpersönlich zur Ehrenrettung von AstraZeneca ausgerückt. Der von der Universität Oxford entwickelte Corona-Impfstoff sei in seinem Land schon millionenfach verwendet worden, schreibt der britische Premier in einem Gastbeitrag in der "Times". "Er ist sicher und wirkt extrem gut."

Das europaweite Domino hat Johnson damit freilich nicht aufhalten können. Nachdem am Tag zuvor mit Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien praktisch alle großen EU-Staaten die Impfung mit AstraZeneca aus Sorge vor schweren Blutgerinnungsstörungen ausgesetzt hatten, zogen am Dienstag mit Schweden, Zypern und Luxemburg drei weitere Unions-Staaten nach. Begründet wird der Impfstopp quer durch Europa mehr oder weniger gleichlautend – als notwendige Vorsichtsmaßnahme angesichts mehrerer Berichte über schwere Thrombosefälle in zeitlicher Nähe zu einer Impfung mit AstraZeneca.

Die Aussetzung bringt die europäischen Staaten allerdings in ein massives Dilemma. Denn der Stopp droht nicht nur die vielfach ohnehin mit Tempoproblemen kämpfenden Impfkampagnen weiter auszubremsen. Seit Dänemark vergangene Woche als erstes Land die Reißleine gezogen, wächst auch die Kritik von Expertenseite. So sehen nicht nur viele Wissenschafter, sondern auch Vertreter der staatlichen Gesundheitsbehörden und der europäischen Arzneimittelaufsicht EMA das Verhältnis zwischen Nutzen und Risiko bei AstraZeneca nach wie vor positiv.

"Eine politische Entscheidung"


Die Entscheidung von Ländern wie Deutschland, Frankreich und Italien, das Impfen mit dem britisch-schwedischen Vakzin auszusetzen, sei vor allem politisch gewesen, sagt Nicola Magrini, der Direktor italienische Arzneimittelaufsicht Aifa, gegenüber der Zeitung "La Repubblica". Die Gefahren einer Impfung seien um ein Vielfaches geringer als die Vorteile. Ganz ähnlich hatte sich in diesem Zusammenhang auch Frankreichs Impfbeauftragter Alain Fischer geäußert. Die Zahl der Fälle von Menschen, die unerwünschte Nebenwirkungen zeigten, sei gering, sagt Fischer dem Radiosender France Inter.

Bisher sind europaweit 45 Millionen Dosen von Biontech/Pfizer, AstraZenca und Moderna verimpft worden. Schwere Fälle von Thrombosen oder Lungenembolien nach einer Impfung wurden allerdings nur ein paar Dutzend gemeldet. So gab es in Deutschland, wo bisher 1,6 Millionen Menschen mit AstraZeneca immunisiert worden sind, sieben Fälle einer speziellen Form von sehr seltenen Hirnvenenthrombosen mit zeitlicher Nähe zur Impfung, davon drei mit tödlichem Ausgang.

Verkompliziert wird die Lage freilich durch die noch nicht abgeschlossenen Analysen der Einzelereignisse. Einen belegten wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen der Impfung und der Bildung von Blutgerinnseln gibt es zwar in keinem einzigen Fall, doch ist aufgrund der in Deutschland festgestellten statistischen Signifikanz nicht auszuschließen, dass gewisse Gruppen hier ein höheres Risiko tragen als andere. Junge Frauen seien möglicherweise stärker gefährdet, sagt Karl Lauterbach, Epidemiologe und Gesundheitssprecher der deutschen SPD. Stephen Evans, Professor für Pharmakoepidemiologie an der London School of Hygiene, hält sogar eine Corona-Infektion für eine mögliche Ursache der Gerinnungsstörungen. "Zumindest für einige dieser Fälle wäre das es eine viel wahrscheinlichere Erklärung als die Impfung", sagt Evans.

Österreich wartet auf die EMA


Zumindest etwas Klarheit dürfte allerdings erst der Donnerstag bringen. Dann will die EMA, die derzeit alle gemeldeten Fälle von schweren Nebenwirkungen untersucht, eine Einschätzung zu möglichen Risiken und zur weiteren Verwendung von AstraZenca abgeben. "Wir nehmen die Sache sehr ernst", sagt EMA-Chefin Emer Cooke. Als ein mögliches Ergebnis wird in deutschen Regierungskreisen etwa eine weitere Nutzung des Impfstoffes mit einer Warnung oder einer Einschränkung für Thrombose-gefährdete Patienten gesehen.

Entscheidend wird die EMA-Bewertung auch für das weitere Vorgehen in Österreich sein, das sich nach einer Sitzung des Nationale Impfgremiums am Montag dazu entscheiden hat, vorerst mit AstraZeneca weiter zu impfen. Von der EMA stamme die Prüfung der Marktzulassung und bei ihr laufen auch alle Informationen über Nebenwirkungen zusammen, sagt Gesundheitsminister Rudolf Anschober, der ebenso wie Bundeskanzler Sebastian Kurz auf eine Lösung auf "gesamteuropäischer Ebene" dringt.

In einigen österreichischen Bundesländern ist die Debatte um AstraZeneca derzeit allerdings ohnehin nur theoretischer Natur. So sind in Niederösterreich gerade 10.000 Personen auf einen anderen Impftermin umgebucht worden, weil der Impfstoff von AstraZeneca wegen Lieferschwierigkeiten nicht im entsprechenden Ausmaß vorhanden war. Ähnliches gilt auch für das Burgenland. Weil die vorhandenen Dosen schon in der vergangenen Woche alle verimpft worden sind, wird die Immunisierung mit AstraZeneca dort frühestens in zwei Wochen wieder aufgenommen.