Heute, Freitag, will sich die Weltgesundheitsorganisation WHO zu AstraZeneca äußern. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA tat dies schon gestern: ie hatten nämlich den Corona-Impfstoff von AstraZeneca zu prüfen. Der britisch-schwedische Vakzin-Hersteller kommt seit Wochen nicht aus den Negativ-Schlagzeilen: Waren es anfangs Lieferengpässe, die für Aufregung sorgten, kamen dann Berichte über Blutgerinnsel hinzu, die mit der Impfung zusammen hängen könnten.

Die EMA kam am Donnerstag zu dem Schluss, dass das Vakzin "sicher und wirksam" ist. EMA-Direktorin Emer Cooke strich nochmals hervor, dass die Vorteile der Immunisierung die Gefahren überwiegen. Dennoch werden nun weitere Analysen durchgeführt, um die Einzelfälle von Blutgerinnseln noch detaillierter zu untersuchen, kündigte Cooke an. Völlig ausgeschlossen könne eine Verbindung in ein paar seltenen Fällen zwar nicht werden, trotzdem sei sie nicht erwiesen. Der Ausschuss empfiehlt daher, ein höheres Bewusstsein für Risiken zu schaffen, was etwa im Beipackzettel der Impfstoffe berücksichtigt werden sollte. Gleichzeitig sollen Wege erarbeitet werden, um mögliche Nebenwirkungen einzuschränken.

Die EMA hat bereits vier Impfstoffe für Europa genehmigt. Mit AstraZeneca haben sich die Experten der Behörden in den vergangenen drei Tagen nochmals besonders intensiv beschäftigen müssen. - © REUTERS
Die EMA hat bereits vier Impfstoffe für Europa genehmigt. Mit AstraZeneca haben sich die Experten der Behörden in den vergangenen drei Tagen nochmals besonders intensiv beschäftigen müssen. - © REUTERS

Die Beurteilung der EMA lässt nicht nur den Konzern aufatmen, sondern auch Politiker in etlichen EU-Staaten. So will Deutschland, das den Stein mit seinem am Montag angekündigten Impf-Stopp für AstraZeneca erst so richtig ins Rollen gebracht hatte, die Immunisierung mit dem von der Uni Oxford entwickelten Vakzin am Freitag wieder aufnehmen. Auch Frankreich, Italien, Lettland, Spanien und Bulgarien haben einen solchen Schritt angekündigt. Österreich hingegen gehörte zu jenen Staaten, in denen der Wirkstoff weiterhin zum Einsatz kam. "In Anlehnung an die Beurteilung der EMA wird empfohlen, das Impfprogramm unverändert fortzusetzen", hieß es dementsprechend auch in einer schriftlichen Stellungnahme des  Nationalen Impfgremiums am Donnerstagabend. Auf das möglicherweise bestehende minimale Riskio einer Blutgerinnungsstörung (geringer als 1:100.000) bei Frauen unter 55 Jahren  soll nun im Rahmen der Aufklärung vor der Impfung hingewiesen werden.

Ursache für Hirnthrombosen nach Impfung gefunden

Unterdessen haben Greifswalder Forscher einem Medienbericht zufolge offenbar die Ursache für Hirnthrombosen nach einer Astrazeneca-Impfung gefunden. Demnach löst das Vakzin bei einigen Menschen einen Abwehrmechanismus aus, wie der NDR berichtet. Bei der Untersuchung der Proben hätten die Experten der Uni Greifswald festgestellt, dass der Impfstoff die Blutplättchen aktiviere. Das passiere normalerweise im Körper nur bei einer Wundheilung, wenn das Blut gerinne und die Wunde verschließe. Durch die Impfung werde bei einigen Patienten ein Mechanismus aktiviert, der zur Bildung von Blutgerinnseln im Gehirn führe. Da der Mechanismus so klar identifiziert worden sei, habe auch eine gezielte Behandlungsmöglichkeit entwickelt werden können. Betroffenen könnte nun ein Wirkstoff verabreicht werden, der gegen die Thrombose helfe, so der NDR. Eine Behandlung mit dem Wirkstoff sei allerdings nur nach der Bildung eines Blutgerinnsels möglich, nicht vorsorglich.

Start für Schlichtungsverfahren

AstraZeneca ist einer von vier Impfstoff-Herstellern, deren Präparate in der EU mittlerweile zugelassen sind. Mit diesen Unternehmen hat die EU-Kommission Rahmenverträge über die Lieferung von rund 1,4 Milliarden Impfdosen abgeschlossen. Bis zu 400 Millionen Dosen sollten von AstraZeneca kommen. Österreich hat in seine Impfpläne knapp sechs Millionen Dosen eingerechnet. Fast doppelt so viele Einheiten wurden bei Biontech/Pfizer reserviert. Insgesamt will sich Österreich an die 30 Millionen Dosen sichern.

Doch gibt es Länder, die viel stärker auf AstraZeneca gesetzt haben. In Bulgarien beispielsweise macht das Präparat beinahe die Hälfte aller bisher bestellten Impfdosen aus. Dort wirken sich Engpässe massiv aus.

In der Zwischenzeit setzt die EU-Kommission einen weiteren Schritt, um den Lieferstreit mit AstraZeneca zu lösen. Die Behörde bereite ein förmliches Schreiben an das Unternehmen vor, um das vertraglich vorgesehene Schlichtungsverfahren zu starten, sagte ein Kommissionssprecher. Abgesprochen werde das noch mit den EU-Regierungen.

Die Maßnahme könnte eine Vorstufe zu möglichen gerichtlichen Auseinandersetzungen sein. Der Vakzin-Hersteller hatte seine vereinbarten Lieferungen an Corona-Impfstoff mehrfach gekürzt. Statt 180 Millionen Dosen sollen im zweiten Quartal nur 70 Millionen an die EU-Staaten gehen. (czar/reu/dpa)